Das ist passiert: Zuerst eine Schweineniere, dann ein -herz – und nun eine -leber: In China wurde zum ersten Mal weltweit bei einem Hirntoten eine Schweineleber eingesetzt. Diese habe mehrere Tage funktioniert, schreiben die chinesischen Forschenden in einem jüngst veröffentlichten Artikel in der Fachzeitschrift «Nature». Die Transplantation fand im Jahr 2024 statt.
Das Ergebnis: Gemäss dem Bericht hat die Schweineleber bereits kurz nach der Transplantation unter anderem Galle produziert und bis zum Versuchsende nach zehn Tagen funktioniert. Es soll keine Anzeichen für eine Abstossung der Leber gegeben haben. Allerdings verabreichten die Ärzte Medikamente, um diese zu unterdrücken. Um Abstossungsreaktionen zu vermeiden, war das Erbgut des Spenderschweins an sechs Stellen verändert worden.
Die Reaktionen: «Es ist eine Weltpremiere und ein grosser Schritt für die Transplantationsmedizin», kommentierte der deutsche Chirurg Bruno Reichart, der an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München an Xenotransplantation – der Übertragung von tierischen Organen auf Menschen – forscht und nicht an dem Eingriff beteiligt war. «Es ist eine äusserst wichtige Premiere», findet auch der Herzchirurg und Direktor von Swisstransplant, Franz Immer.
Die Absicht: Wenn die Leber eines Patienten oder einer Patientin plötzlich aussteigt, sammeln sich giftige Stoffe im Körper an, die nicht mehr ausgeschieden werden können. Das führt innert zwei bis drei Tagen zum Tod. Bei einem solchen akuten Leberversagen – in der Schweiz pro Jahr maximal 30 bis 50 Fälle – gebe es aktuell keine Möglichkeit, die Leber zu ersetzen, sagt Swisstransplant-Direktor Franz Immer. Deshalb seien alternative Behandlungsmöglichkeiten «dringend notwendig».
Die Überbrückungslösung: Bis in Zeiten von Organspendemangel eine passende Leber eines verstorbenen Spenders für eine Transplantation gefunden werde, könne die Transplantation von Schweinelebern als Überbrückungslösung dienen, führt Franz Immer fort. Tiermediziner Eckhard Wolf, der an derselben Universität wie Chirurg Reichert arbeitet, sagt: «Bei akutem Leberversagen könnte eine Überbrückung von zwei Wochen schon helfen, weil die Leber sich dann erholen kann.» Das chinesische Team hatte bei dem Versuch die Leber des Hirntoten im Körper belassen.
Die Zukunft: «Es ist ein Weg, der wichtig ist und der tatsächlich zahlreiche Menschenleben retten könnte, wenn das effektiv in die Klinik käme», sagt Swisstransplant-Direktor Franz Immer. In dieselbe Kerbe schlägt das chinesische Team und fügt im Bericht an, die Schweineleber könne relativ einfach wieder entfernt werden, sobald die Funktion der ursprünglichen Leber wiederhergestellt oder ein menschliches Spendeorgan verfügbar sei. Tierbiologe Wolf glaubt, dass es bereits 2030 möglich sein wird, Hunderte Schweineorgane pro Jahr zu transplantieren. Schweine seien leicht zu züchten, es komme aber darauf an, wie die kommenden Versuche verlaufen. Die Transplantation der Schweineleber in China lasse hingegen noch keine Schlüsse auf einen routinemässigen Einsatz dieses Organs zu.