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Transplantationsmedizin Schweineleber erstmals in hirntoten Menschen transplantiert

Die Leber habe zehn Tage später noch funktioniert, schreibt das Forschungsteam im Fachjournal «Nature». Ein Überblick.

Das ist passiert: Zuerst eine Schweineniere, dann ein -herz – und nun eine -leber: In China wurde zum ersten Mal weltweit bei einem Hirntoten eine Schweineleber eingesetzt. Diese habe mehrere Tage funktioniert, schreiben die chinesischen Forschenden in einem jüngst veröffentlichten Artikel in der Fachzeitschrift «Nature». Die Transplantation fand im Jahr 2024 statt.

Das Ergebnis: Gemäss dem Bericht hat die Schweineleber bereits kurz nach der Transplantation unter anderem Galle produziert und bis zum Versuchsende nach zehn Tagen funktioniert. Es soll keine Anzeichen für eine Abstossung der Leber gegeben haben. Allerdings verabreichten die Ärzte Medikamente, um diese zu unterdrücken. Um Abstossungsreaktionen zu vermeiden, war das Erbgut des Spenderschweins an sechs Stellen verändert worden.

Mensch tot, Leber funktioniert – wie geht das?

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Bei einem Hirntoten ist das Gehirn unwiderruflich ausgefallen. Der Kreislauf kann jedoch durch künstliche Beatmung und Medikamente noch eine Zeit lang aufrechterhalten werden.

Die Reaktionen: «Es ist eine Weltpremiere und ein grosser Schritt für die Transplantationsmedizin», kommentierte der deutsche Chirurg Bruno Reichart, der an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München an Xenotransplantation – der Übertragung von tierischen Organen auf Menschen – forscht und nicht an dem Eingriff beteiligt war. «Es ist eine äusserst wichtige Premiere», findet auch der Herzchirurg und Direktor von Swisstransplant, Franz Immer.

So verliefen bisherige Transplantationen von Schweineorganen

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Bislang sind weltweit zwei Transplantationen von Schweineherzen in lebende Menschen bekanntgeworden, beide an der Uniklinik in Baltimore in den USA. Die Patienten starben einige Wochen nach der Operation.

Zudem hätten in den USA vier Patienten Schweinenieren bekommen, sagt der deutsche Genetiker und Tiermediziner Eckard Wolf – mit unterschiedlichem Erfolg. Dutzende weitere Nierentransplantationen seien dort geplant.

Die Absicht: Wenn die Leber eines Patienten oder einer Patientin plötzlich aussteigt, sammeln sich giftige Stoffe im Körper an, die nicht mehr ausgeschieden werden können. Das führt innert zwei bis drei Tagen zum Tod. Bei einem solchen akuten Leberversagen – in der Schweiz pro Jahr maximal 30 bis 50 Fälle – gebe es aktuell keine Möglichkeit, die Leber zu ersetzen, sagt Swisstransplant-Direktor Franz Immer. Deshalb seien alternative Behandlungsmöglichkeiten «dringend notwendig».

Chirurgenteam bei einer Operation im Krankenhaus.
Legende: Eine Transplantation einer Schweineleber könnte bei Menschen mit akutem Leberversagen überlebenswichtig sein. (Symbolbild) IMAGO / Xinhua / Symbolbild

Die Überbrückungslösung: Bis in Zeiten von Organspendemangel eine passende Leber eines verstorbenen Spenders für eine Transplantation gefunden werde, könne die Transplantation von Schweinelebern als Überbrückungslösung dienen, führt Franz Immer fort. Tiermediziner Eckhard Wolf, der an derselben Universität wie Chirurg Reichert arbeitet, sagt: «Bei akutem Leberversagen könnte eine Überbrückung von zwei Wochen schon helfen, weil die Leber sich dann erholen kann.» Das chinesische Team hatte bei dem Versuch die Leber des Hirntoten im Körper belassen.

Das Gute und Schlechte an Schweineorganen

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Die Stoffwechsel von Schweinen und Menschen ähneln sich. Deshalb kommen Schweineorgane für Transplantationen in den menschlichen Körper infrage.

Die chinesischen Ärztinnen und Ärzte nutzten für ihre Transplantation die Leber einer besonders kleinen Schweinerasse. Denn bei herkömmlichen Schweinen wachsen die Organe laut dem deutschen Genetiker und Tiermediziner Wolf im Menschen weiter und werden zu gross. Er und sein Team haben bereits Schweine aus Neuseeland für Herztransplantationen genetisch verändert und gezüchtet.

Die Zukunft: «Es ist ein Weg, der wichtig ist und der tatsächlich zahlreiche Menschenleben retten könnte, wenn das effektiv in die Klinik käme», sagt Swisstransplant-Direktor Franz Immer. In dieselbe Kerbe schlägt das chinesische Team und fügt im Bericht an, die Schweineleber könne relativ einfach wieder entfernt werden, sobald die Funktion der ursprünglichen Leber wiederhergestellt oder ein menschliches Spendeorgan verfügbar sei. Tierbiologe Wolf glaubt, dass es bereits 2030 möglich sein wird, Hunderte Schweineorgane pro Jahr zu transplantieren. Schweine seien leicht zu züchten, es komme aber darauf an, wie die kommenden Versuche verlaufen. Die Transplantation der Schweineleber in China lasse hingegen noch keine Schlüsse auf einen routinemässigen Einsatz dieses Organs zu.

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SRF 4 News, 31.3.2025, 16:49 Uhr ; 

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