Das Sofa ist gross und bequem. Das Licht ist angenehm. Die vielen Pflanzen sorgen für Entspannung. Mit einer neuartigen Arbeitswelt in Zürich will Swisscom die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wieder öfter ins Büro locken. Denn einige bleiben häufiger zu Hause als erlaubt.
Personalchefin Klementina Pejic führt durch die Gänge, zeigt auf einen kleinen Raum mit dunkelblauem Tischchen und Sesseln, in denen sich zwei Personen unterhalten. «Hier kann man Vorhänge zuziehen und vertrauliche Gespräche führen.» Sie geht weiter auf eine offene Fläche. Auf der einen Seite ein grosser dunkler Tisch mit Barhockern. Gegenüber ein hellgraues Sofa, auf dem mindestens acht Personen Platz haben. «Hier kommt man hin, wenn man Austausch möchte.» Eine Gruppe Männer unterhält sich angeregt.
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Bild 1 von 6. Kein Wohnzimmer, sondern der Protoyp neuer Büroräumlichkeiten am Swisscom-Zweitsitz in Zürich. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 6. Viel Grün soll die Sinne ansprechen. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 6. Dieser Bereich ist für gemeinsamen Kaffee oder gemeinsames Mittagessen gedacht. Bildquelle: SRF.
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Bild 4 von 6. Personalchefin Klementina Pejic zeigt einen Bereich, der für Zusammenarbeit an Projekten bestimmt ist. Bildquelle: SRF.
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Bild 5 von 6. Auch Rückzug soll möglich sein. Laut Swisscom werden Mitarbeitende regelmässig befragt, wie sie die Arbeitsplätze nutzen, und die Etage entsprechend optimiert. Bildquelle: SRF.
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Bild 6 von 6. Dieser Raum ist durch Vorhänge abtrennbar. Hier können vertrauliche Gespräche geführt werden. Bildquelle: SRF.
Dieses Stockwerk sei ein Test, und die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen würden befragt, ob und wie sie das Angebot nutzten.
Seit zwei Jahren gilt bei Swisscom: Mindestens an zwei Tagen pro Woche müssen Angestellte im Büro sein. Im Januar erging die Weisung an die Führungskräfte, die Regel durchzusetzen. Klementina Pejic sagt, man wolle, dass die Unternehmenskultur gelebt werde. «Begegnung soll stattfinden. Wir möchten den Zusammenhalt, wir möchten den Austausch. Das ist wichtig für die Kreativität, für die Innovationskraft und für die Integration von allen neuen Mitarbeitenden.»
Swisscom ist eines von mehreren Unternehmen, das die Zügel in Sachen Homeoffice anzieht. Das zeigt eine Umfrage von SRF bei allen SMI-Unternehmen, weiteren Grossunternehmen und Behörden.
Der Hörgerätehersteller Sonova hat Homeoffice seit 2025 auf maximal zwei Tage beschränkt. Ebenso gab die Grossbank UBS Mitte März diese Regel bekannt – und will sie bis Ende des Monats schon umsetzen. Auch hier werden Innovation und Zusammenarbeit als Gründe genannt. Zudem muss bei der UBS einer der Präsenztage auf Montag oder Freitag fallen – Tage, die gerne als Homeoffice-Tage genommen werden. Andernfalls hätte es in der Wochenmitte zu wenige Arbeitsplätze. Zur Planung werde ein «Dashboard» eingeführt, eine Benutzeroberfläche, auf der die Auslastung sichtbar ist.
Auch bei Raiffeisen Schweiz bahnt sich eine Änderung an. Am Hauptsitz auf dem Roten Platz in St. Gallen hat man entschieden: Ab Juni sind statt vier nur noch zwei Tage Homeoffice möglich. Personalleiterin Karin Schmidt betont, dass die allermeisten Angestellten sowieso nicht häufiger zu Hause gewesen seien. «Es gab aber natürlich auch Mitarbeitende, bei denen das nicht nur gut ankam.» Deshalb gebe man auch mehr als drei Monate Zeit, damit sich alle auf die neuen Gegebenheiten einstellen und organisieren könnten.
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Bild 1 von 2. Am Hauptsitz von Raiffeisen Schweiz ist man zum Schluss gekommen: Ab Juni sollen die Angestellten drei Tage vor Ort sein. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 2. Begegnung soll auch hier gefördert werden, etwa im Team- und Pausenraum mitten im Grossraumbüro. Bildquelle: SRF.
Eine kleine Begegnungszone mit Sesseln, einem Tisch mit Barhockern und einer Kaffeemaschine gibt es auch hier. Aber die Arbeitsplätze sind bei Raiffeisen noch eher klassisch: Grossraumbüros, Meetingräume, viel Grau, viel Glas – und natürlich ein roter Teppich. Die Spontaneität ist es laut Karin Schmidt, die man wieder herstellen möchte: «Wenn wir Themen haben, die aufpoppen und besprochen werden müssen, kann man sie schneller angehen und lösen, indem man kurz zusammensteht.»
Alle angesprochenen Unternehmen weisen von sich, dass es bei diesen Entscheidungen auch um eine höhere Arbeitsproduktivität gehe. Das sieht Wirtschaftspsychologe Christian Fichter anders. Er ist Forschungsleiter an der Kalaidos Fachhochschule in Zürich und sagt: «Der Elefant im Raum ist natürlich die Frage der Kontrolle und des Vertrauens.» Man vertraue den Mitarbeitern nicht, dass sie zu Hause dieselbe Leistung brächten. «Und ich muss sagen: Realistisch eingeschätzt, ist das auch tatsächlich so. Wir sind zu Hause nicht gleich produktiv.»
Wer vor Ort sei, sei in einer anderen Verfassung und die Arbeit falle leichter. Es sei übrigens auch nicht unbedingt gesünder oder zufriedenstellender, im Homeoffice zu arbeiten. Man könne sich dann schwer abgrenzen.
Homeoffice ist weder Allheilmittel noch super schädlich.
Christian Fichter hat mit seinem Team für SRF eine Umfrage unter Angestellten durchgeführt. Sie ist mit rund 500 Personen annähernd repräsentativ und hat ergeben: Wunsch entspricht Wirklichkeit. Angestellte können in der Schweiz in der Regel so viel Homeoffice machen, wie sie gerne möchten. Sie nehmen sogar weniger in Anspruch, als sie könnten. Durchschnittlich haben sie 2.4 Tage pro Woche zugute und beziehen 1.8 Tage.
Was die Umfrage auch noch zeige: «Homeoffice ist weder Allheilmittel noch super schädlich. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen.» Diese Erkenntnis ist in Fichters Augen relevant, erklärt sie doch die widersprüchliche Studienlage. So gibt es sowohl Untersuchungen, die der Arbeit im Homeoffice mehr Produktivität und Gesundheit zuschreiben – andere kommen genau zum gegenteiligen Befund. In der Regel basieren Studien auf Selbsteinschätzungen, und diese sind trügerisch.
Unter den befragten Unternehmen ist auch eine Reihe, die keine Homeoffice-Regel hat. Sprich: Es ist Sache des Teams und der Vorgesetzten. Holcim, das Eidgenössische Finanzdepartement, die SRG, Swiss Life, Swiss Re oder die Schweizerische Post gehören dazu. Über solche Unternehmen sagt Christian Fichter: «Sie haben entweder ein Produkt oder eine Dienstleistung, die sich von alleine verkaufen. Oder es ist eine Firma, die sehr grosses Vertrauen in ihre Mitarbeitenden hat – und Mitarbeitende, die dieses Vertrauen auch verdienen und damit umgehen können.»
Homeoffice wird bleiben, aber das Mass beginnt sich einzupendeln. Aus Sicht der Forschung lautet der ideale Mix für Produktivität und Wohlbefinden: zwei Tage zu Hause, drei im Büro.