Pingelig, engstirnig, pünktlich, korrekt, lärmempfindlich, kleinkariert, vielleicht auch egoistisch – nein, sie klingen nicht gerade schmeichelhaft, die gängigsten Eigenschaften, die man dem klassischen Bünzli zuschreibt.
Mitschuldig daran sind vermutlich der Zürcher Dichter Gottfried Keller und der Bieler Schauspieler Fredy Scheim - mehr dazu später. Ob wir wollen oder nicht: Fakt ist, dass in vielen von uns bünzlige Eigenschaften stecken, über die wir bestenfalls lachen können, wie die Bünzli-Beichten aus der SRF 3-Community zeigen.
Bünzli-Geständnisse aus der SRF 3-Community
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Der Name Bünzli stammt ursprünglich aus dem Züribiet. «Er bezeichnete eine Person, die in der Nähe einer ‹Binz›, also eines Sumpfs mit Binsen, wohnte», sagt SRF-Mundartredaktor André Perler.
Eine zweite Erklärung sieht er im Begriff «Punze», einem alten Wort für ein Weinfass. «Demnach wäre der ‹Bünzli› eher eine Person, die etwas dick ist oder viel trinkt.»
Bünzlige Figuren aus Literatur und Theater
Einen ersten Zusammenhang mit der heutigen Bedeutung des «Bünzlis» sieht Perler in Gottfried Kellers Novelle «Die drei gerechten Kammacher» aus dem Jahr 1856. «Darin kommt eine Züs Bünzlin vor, die als sparsam und ordentlich beschrieben wird.»
Eine Figur, die womöglich Fredi Scheim in den 1920er- und 30er-Jahren zum Bühnencharakter Heiri Bünzli inspirierte, einer Karikatur des biederen Schweizer Kleinbürgers.
«Diese Figur war offenbar so beliebt beim Publikum, dass aus dem Nachnamen eine Bezeichnung für besonders spiessige Personen wurde.»
Die Schweiz als Hochburg des Bünzlitums
Um zu verstehen, warum gerade der Schweiz ein besonders ausgeprägter Bünzli-Ruf vorauseilt, bleiben wir im letzten Jahrhundert. «Der klassische Bünzli entsteht wohl erst in der Zeit der geistigen Landesverteidigung zwischen 1930 und 1940», vermutet Literatur- und Kulturwissenschaftler Boris Previšić.
«Während Nationen wie Deutschland und Italien expandierten, setzte die Schweiz sozusagen auf ein imperiales Gegenprogramm.» Man zog sich zurück und versuchte bestmöglich Ordnung zu halten im eigenen Garten.
Ordnung im eigenen Garten – oder besser: im eigenen «Gärtli». Bewahren, was man hat, fleissig sein, wachsam, unscheinbar, aber schlau. «Hinter der Fassade machte man durchaus grosse Geschäfte», sagt Previšić. Auch das gehört gewissermassen zum geschichtlichen Hintergrund schweizerischen Bünzlitums.
Mit Folgen: «Es gibt heute kaum ein Land, das globalisierter unterwegs ist als die Schweiz.» Etwas vereinfacht formuliert könnte man also sagen, dass der Erfolg der Schweiz durchaus auf bünzligen Eigenschaften fusst.
Wie lebt es sich als Bünzli?
Vom Malergeschäft bis zur Physiotherapie: 134 Einträge findet man im Online-Telefonbuch telsearch.ch zum Namen Bünzli. Eine davon ist Christina Bünzli aus Baden. «Gelitten habe ich nie unter diesem Nachnamen», sagt sie. Aber es habe schon Zeiten gegeben, in denen sie sich einen neutraleren Namen gewünscht hätte.
Zudem müsse sie gerade im Gespräch mit Menschen aus Deutschland stets erklären, dass es sich bei Bünzli nicht bloss um ein Synonym für Spiessbürgertum handle.
Christina Bünzli nimmt ihren Nachnamen mit Humor. «Ich mag Bezeichnungen mit ‹li› am Schluss. Ob Hösli oder Künzli – ich finde das süss.» Und: «Pünktlichkeit und eine gewisse Ordnung sind mir wichtig. Mit zunehmendem Alter werde ich selbst immer bünzliger.»