John* (29) verübte insgesamt 36 Einbrüche und verbüsst dafür eine rund dreijährige Haftstrafe in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Witzwil BE. Sein Leben im Gefängnis ist klar geregelt und von Pflichten bestimmt. Bis jetzt: John wird vorzeitig entlassen. Aufgrund guter Führung kommt er frei – ein Moment der Freude und Hoffnung, aber auch der Unsicherheit und Ungewissheit.
Amila Redzic, Host bei der SRF-Sendung «Impact», lernt John am Tag seiner Freilassung kennen und begleitet ihn in seinen letzten Stunden im Gefängnis. Sie will herausfinden, wie er sich in seinem neuen Alltag zurechtfindet. Wird es ihm gelingen, sich ein neues Leben aufzubauen?
Tränen und Freude am Tag der Freilassung
Zellenübergabe, die Aushändigung privater Gegenstände, letzte Austrittsdokumente. Der letzte Tag im Gefängnis ist durch ein klares, nüchternes Protokoll vorgegeben. Dazwischen reihen sich aber immer wieder Verabschiedungen von Mitinsassen.
Durch die Zeit im Gefängnis haben sich Freundschaften gebildet, die John zwangsläufig zurücklässt. Er ist sichtlich bewegt, als sich viele Häftlinge von ihm verabschieden und ihm alles Gute wünschen. «Mir hat die Zeit im Gefängnis extrem viel gebracht, ich bin persönlich extrem weitergekommen», erzählt John über die Zeit hinter Gittern und schaut positiv in die Zukunft: «Ich für mich habe keine Angst, wenn ich rauskomme, dass ich wieder rückfällig werde, weil ich habe es selbst in der Hand.»
Der Gang durchs Gefängnistor und damit raus in die Freiheit ist unerwartet unspektakulär: keine Familie, die ihn freudig in Empfang nimmt, keine überbordenden Emotionen. Nur ein Zivildienstleistender einer Stiftung, der John in einem kleinen Auto abholt.
Hohe Rückfallquote
Mit der Freilassung beginnt für den Ex-Häftling ein neuer Abschnitt, der nicht leicht werden dürfte. Die Wiedereingliederung von ehemaligen Häftlingen in die Gesellschaft ist eine komplexe Aufgabe. In der Schweiz liegt die Rückfallquote laut Bundesamt für Statistik (BFS) bei rund 30 Prozent, unterscheidet sich aber je nach Straftat. Grundsätzlich werden Männer häufiger rückfällig als Frauen, mit zunehmendem Alter sinkt zudem die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls.
Die Zahlen zeigen, dass gerade die ersten Monate nach der Haft entscheidend sein können. Wichtige Faktoren für eine erfolgreiche Resozialisierung sind vor allem ein unterstützendes soziales Umfeld, eine stabile Wohn- und Arbeitssituation, aber auch eine sinnvolle Freizeitgestaltung.
Die Herausforderung der Resozialisierung
«Es ist ein Witz, wenn jemand nach einem halben Jahr sagt, ich bin zurück im Leben», sagt John sechs Monate nach seiner Freilassung, als Amila ihn in seiner kleinen Einzimmerwohnung in Bern besucht. Diese wurde ihm von einer Stiftung für Ex-Häftlinge zur Verfügung gestellt. Er arbeitet aktuell in zwei Teilzeitanstellungen, kämpft mit hohen Erwartungen an sich selbst und dem Druck, sich schnell beweisen zu wollen.
Jobsuche, WG-Castings, ein neues soziales Umfeld aufbauen – diese ohnehin grossen Aufgaben sind für Personen wie den 29-jährigen mit Einträgen im Straf- und Betreibungsregister nicht einfacher. Ebenfalls ein ständiger Begleiter ist Johns Drogenvergangenheit. Eine Kokainsucht bestimmte lange seinen Alltag. Dennoch versucht er, sich auf das Positive zu fokussieren.
Der Rückfall
Doch dann, der Absturz: John verschwindet von der Bildfläche. Seine Telefonnummer und E-Mail-Adresse sind nicht mehr erreichbar, sein Social-Media-Profil wurde gelöscht. Über eineinhalb Jahre herrscht Funkstille, bis sich John erneut meldet.
Beim Wiedersehen in Thun erzählt der Ex-Häftling, was in der Zwischenzeit alles passiert ist. Es kam zu neuen Drogenrückfällen, zudem beging er ähnliche Straftaten wie in der Vergangenheit in Deutschland und der Schweiz. In Deutschland hat John dafür bereits eine sechsmonatige Haftstrafe abgesessen. In der Schweiz läuft gegen ihn ein neues Strafverfahren, dessen Ausgang noch ungewiss ist.
Nach diesem Tiefpunkt hat er bei Freunden der Familie Zuflucht gefunden und konnte sich Zeit nehmen, um sein Leben zu ordnen. Mittlerweile hat der 29-Jährige eine feste Anstellung bei einer Hauswartungsfirma gefunden und lebt in einer Wohngemeinschaft mit neun anderen Menschen zusammen. In dieser WG habe er gelernt, seine antrainierten Muster aus der Zeit im Gefängnis, etwa bei Konfliktsituationen, abzulegen.
Obwohl sich die Dinge für John zum Besseren gewendet haben, weiss er, dass er noch nicht über den Berg ist. Eine erneute Haft ist, aufgrund des aktuell hängigen Strafverfahrens gegen ihn, möglich. Seine Vergangenheit, insbesondere seine Drogensucht, sei sein ständiger Begleiter, erzählt John.
Johns Geschichte zeigt, wie schwierig der Weg zurück in die Gesellschaft für ehemalige Häftlinge ist. Trotz eines unterstützenden Umfelds und der Bemühungen, sich ein neues Leben aufzubauen, ist die Vergangenheitsbewältigung ein Prozess, der viel Ausdauer erfordert. Es braucht Durchhaltevermögen und oft auch ein wenig Glück, um den Kreislauf zu durchbrechen. Wo er sich denn in Zukunft sieht, fragt Amila John zum Abschluss beim gemeinsamen Abendessen. Nach kurzem Überlegen antwortet John: «Beruflich weiterkommen und irgendwann Frau, Kind und ein ruhiges Leben.»
*Name geändert