Martin Woodtli ist heute 63 Jahre alt. Vor über 20 Jahren, nämlich 2003, gründete er das Pflegeheim «Baan Kamlanchay» in Chiang Mai, Thailand. Doch wie kam es zu dieser ungewöhnlichen Tat?
Woodtli selbst sagt: «Es war ein Experiment.» Als sein Vater sich das Leben nahm, zog er zurück in das Elternhaus in Münsingen (BE), um sich um seine Mutter zu kümmern.
Nach neun Monaten zu Hause wagte er es: Er reiste mit seiner Mutter Margrit Woodtli nach Thailand. Dort wollte Martin thailändische Betreuerinnen anstellen und wieder als Sozialarbeiter für eine Organisation tätig werden.
Auf die Frage, ob er sich bewusst gewesen sei, dass er eine an Alzheimer erkrankte Person aus ihrer gewohnten Umgebung herausnehme, antwortet Woodtli: «Ich war unsicher am Anfang und viele sagten mir, dass es gefährlich sei, eine Person, die sich an Erinnerungen klammert, zu entwurzeln. Ich dachte mir aber, dass es genau das Gegenteil bewirken könne: Eine heilsame Veränderung.»
Weshalb ging es nach Thailand?
Martin Woodtli kannte Thailand bereits: Er arbeitete vier Jahre lang als Sozialarbeiter für Médecins Sans Frontières in Chiang Mai. Er konnte deshalb abschätzen, was auf ihn zukommt. Zudem wusste Martin, dass er dort mit weniger Geld mehr Betreuung für seine Mutter erhält.
Martin bildete die drei Betreuenden seiner Mutter aus und mit der Zeit entstand eine Wohngemeinschaft, die zur Familie wurde für die Woodtlis.
20 Jahre später
Die Erfahrungen, die Martin mit seiner Mutter in Thailand gemacht hat, waren so eindrücklich, dass er das Angebot auch für andere Demenz- und Alzheimerkranke Menschen ausweiten wollte. Heute leben 14 solcher Gäste in verschiedenen Häusern im gleichen Dorf. Die meisten davon sind aus der Schweiz oder aus Deutschland.
So lebt es sich in Woodtlis Pflegedorf
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Bild 1 von 11Legende: Das ist Faham Village. Hier leben Woodtlis Gäste integriert in einem Dorfsystem. SRF
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Bild 2 von 11Legende: Martin möchte seinen Gästen ein «normales Leben» ermöglichen. SRF
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Bild 3 von 11Legende: Hier gehen die Dorfbewohner und Dorfbewohnerinnen Kleinigkeiten einkaufen. SRF
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Bild 4 von 11Legende: Martin hat dafür gesorgt, dass es im Dorf einen kleinen Minimart gibt. SRF
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Bild 5 von 11Legende: Bruna und ihre Betreuerin sprechen zwar nicht dieselbe Sprache, dafür tanzen sie zusammen. SRF
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Bild 6 von 11Legende: Abends wird eine Matratze für Brunas Betreuerin neben ihr Bett gelegt. SRF
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Bild 7 von 11Legende: Die Dorfbewohner frühstücken meistens zusammen. SRF
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Bild 8 von 11Legende: Margit Woodtli ist die Pionierin des Pflegedorfs in Chiang Mai. SRF
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Bild 9 von 11Legende: Im Gemeinschaftspool können die Gäste und ihre Angehörigen das paradiesische Wetter geniessen. SRF
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Bild 10 von 11Legende: Immer unter Aufsicht bleiben die Gäste aktiv. SRF
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Bild 11 von 11Legende: Klaus besucht seinen Vater oft für eine längere Zeit und mietet in der Nähe ein Haus. SRF
Im kleinen Dorf von Faham gibt es Treffpunkte wie einen Gemeinschaftspool, einen kleinen Supermarkt und eine Terrasse, wo Frühstück, Mittag- und Abendessen serviert wird. «Immer in Begleitung von Betreuerinnen – sie haben alle drei, die im Schichtbetrieb auf sie aufpassen», erklärt Martin.
«Sie sprechen nicht dieselbe Sprache»
Dass die Gäste und ihre Betreuerinnen dieselbe Sprache sprechen, findet Martin Woodtli «nicht nötig». Auch bei seiner Mutter damals. Gewisse Unstimmigkeiten entstanden gar nicht erst, wenn sie einander nicht verstehen würden. 2003 sagte Martin, «ich bin permanent der Versuchung ausgesetzt (auf meine Mutter) zu reagieren und zu argumentieren». Zärtlichkeit und Blickkontakt seien wichtiger.
Ein Angehöriger eines Gastes erzählt, dass sein Vater in Chiang Mai sich sehr geöffnet habe. Er erzählt weiter, dass die Betreuung besser sei als in Deutschland für denselben Preis. Pro Monat kostet der Aufenthalt und die Betreuung in Woodtlis «Baan Kamlanchay» 3800 Franken.
Für Martin Woodtli sticht sein Nischenangebot preislich gar nicht gross raus. Mit den Betreuungskosten und den Reisekosten, die anfallen, müssen die Angehörigen viel auf sich nehmen, um ihre Angehörigen in Chiang Mai zu platzieren. Der Grund sei, dass die Demenz- und Alzheimer-Patienten hier nicht in einem Heim leben, sondern in eine familiäre und dörfliche Gemeinschaft eingebettet würden.
Seine Vision wäre es, auch in Europa mehr familiäre Betreuungsmodelle zu implementieren, weil man im Hinblick auf die Überalterung der Gesellschaft die Betreuung irgendwann auch nicht mehr finanzieren könne.