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Anfang eines langen Weges Schockdiagnose Krebs – die Psyche leidet mit

Eine Krebsdiagnose verändert das Leben auf einen Schlag. Grosse Unsicherheiten kommen auf. Und schwierige Fragen stehen plötzlich im Raum. Beim Umgang damit gerät die Psyche immer stärker in den Fokus.

Ein grosser, furchteinflössender, feuerspeiender Drachen: So hat sich Anna Baptista ihre Chemotherapie vorgestellt. Und in ihrem Skizzenbuch gezeichnet. Das habe ihr geholfen, mit der Situation umzugehen und dem Ganzen seinen Schrecken zu nehmen.

Im Skizzenbuch hat sie neben dem Chemotherapie-Drachen auch viele Gedanken festgehalten. Durch den Krebs mit dem Tod konfrontiert, hat sie aufgeschrieben, was ihr im Leben wichtig ist und was sie noch erleben möchte. Das alles hat ihr in dieser schwierigen Situation Durchhaltewillen gegeben.

Eine Krebsdiagnose bringt grosse Fragen auf

Die Krebsdiagnose ist für Betroffene meist ein grosser Schock. Auch für die heute 40-jährige Anna Baptista. Vor zwei Jahren wurde bei ihr ein Hodgkin-Lymphom in der Bauchgegend festgestellt – ein Zufallsbefund. Sie habe ein komisches Gefühl gehabt und sei zum Frauenarzt gegangen, sagt sie. «Für mich ist eine kleine Welt zusammengebrochen», so die Luzernerin. Es sei alles abgelaufen wie im Film. Sie habe kaum geschlafen und sich vor allem viele Fragen gestellt: «Warum ich? Habe ich etwas falsch gemacht?»

Anna blickt auf einen steinigen Weg zurück. Nach mehreren sehr starken Chemotherapien und einem Rückfall ist sie heute krebsfrei. Ein gutes Umfeld habe ihr in dieser Zeit geholfen – wie auch das Malen. «Das war meine Therapie», so Anna. Hier konnte sie loslassen und frei sein – während der Krebs einen Grossteil ihres Lebens bestimmte.

«Das Warten war das Schlimmste»

Auch David ist an Krebs erkrankt. Letzten Herbst wurde beim 40-jährigen Biologen aus Bern ein Sarkom zwischen Auge und Hirn festgestellt. Auch bei ihm war es ein Zufallsbefund. Als etwas mit dem Sehen nicht stimmte, schickte ihn die Augenärztin ins Inselspital.

Schnell stand im Raum, dass es Krebs sein könnte. Bis zur Diagnose hat es aber gedauert. «Das Warten und die Ungewissheit waren das Schlimmste», sagt David heute. Der Behandlungsbeginn hingegen ist oft mit einem Gefühl der Erleichterung verbunden: Endlich geht es vorwärts im Kampf gegen den Krebs.

Davids Krebs ist selten und aggressiv, und er hat bereits gestreut, weshalb David palliativ behandelt wird. Das heisst, der Fokus der Behandlung liegt nicht auf Heilung, sondern darauf, die verbleibende Zeit zu verlängern und dass es ihm dabei möglichst gut geht. Das Schwierigste sei für ihn, dass er mit seiner Partnerin Gabriela einen 5-jährigen Sohn habe und nicht weiss, wie lange er noch für ihn da sein kann.

Eine Belastung auch für die Psyche

Es sind herausfordernde Situationen für Betroffene und ihr Umfeld. Anna und David sind nicht alleine. Jedes Jahr erhalten gemäss der Krebsliga Schweiz rund 46’000 Menschen die Diagnose Krebs.

Das anschliessende Warten darauf, welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt, und die Unsicherheit – eine grosse Belastung für Betroffene und ihr Umfeld. Menschen sehen sich auf einen Schlag mit dem Tod konfrontiert. Das zeigt: Krebs ist nicht nur eine Krankheit des Körpers – auch die Psyche leidet mit.

Die Frage nach dem «Warum» hilft nicht

Das weiss auch Kristin Murpf vom Kantonsspital Aarau. Sie ist Psychoonkologin, bietet also psychologische Betreuung für Krebsbetroffene an. Eine Krebsdiagnose bedeute, dass einem komplett der Boden unter den Füssen weggezogen werde. Hoffen, bangen, aufatmen – oder einen Rückfall erleiden. Das zehre an den Nerven von Betroffenen und ihrem Umfeld.

«Nicht nur die Momente der Diagnose oder eines Rückfalles belastend», so Kristin Murpf. «Überraschenderweise ist für viele auch die Remission, also der Rückgang der Erkrankung, wo man aber noch mit einem Rückfall rechnen muss, besonders schwer». Mit dem plötzlichen Stopp der Therapien und häufigen Untersuchungen stünden die Betroffenen oft im luftleeren Raum und hätten viel Zeit zum Nachdenken. Und sie müssen mit der Unsicherheit umgehen – kommt der Krebs zurück? Dann helfe die Psychoonkologie, um die ganze Situation zu verarbeiten und die Ressourcen zu stärken.

Das Umfeld spielt eine wichtige Rolle

Die Frage nach dem «Warum», so wie es sich Anna Baptista gefragt hatte, begegnet Murpf oft. Viele Betroffene würden sich fragen, ob sie etwas falsch gemacht hätten. Besonders problematisch findet es Murpf, wenn das Umfeld versucht, ungefragte Erklärungsversuche für die Diagnose zu liefern. Dies könne den Eindruck vermitteln, dass die Betroffenen selbst schuld an der Erkrankung seien.

«Ich bin da recht deutlich und ermutige die Betroffenen, nicht zu viel über diese ‹Warum-Frage› nachzudenken. Das bringt meiner Meinung nach gar nichts», so Murpf. Stattdessen lenkt sie den Fokus darauf, was man im Hier und Jetzt tun kann, um das Wohlbefinden zu verbessern.

Wenn die Betroffenen konstant hören, man solle kämpfen oder man schaffe das, fühlten sie sich manchmal mit ihren Sorgen und Beschwerden nicht ganz ernst genommen.
Autor: Kristin Murpf Psychoonkologin

Was vielen Menschen schwerfällt und was sie deshalb immer wieder übt, ist die Akzeptanz aller Gefühle – sowohl der guten als auch der schwer auszuhaltenden. Werden nämlich durch krampfhaftes positives Denken Angst, Wut, Trauer oder Verzweiflung verdrängt, tauchen diese oft in ganz anderen Bereichen wieder auf, so die Psychoonkologin.

Auch Angehörige hätten oft das Gefühl, sie müssten «Stehaufmännchen» spielen und die Betroffenen konstant aufmuntern. «Wenn die Betroffenen konstant hören, man solle kämpfen oder man schaffe das, fühlten sie sich manchmal mit ihren Sorgen und Beschwerden nicht ganz ernst genommen», sagt die Psychoonkologin Kristin Murpf.

Sie empfiehlt, grundsätzlich ehrlich mit Gefühlen umzugehen. Dazu gehöre, manchmal einfach zuzugeben, dass es furchtbar schwierig sei – auch als Angehörige. Und dann gelte es, dies auszuhalten und füreinander da zu sein. Danach, wenn die schwierigen Teile akzeptiert und «versorgt» seien, bliebe auch wieder mehr Raum für schöne Momente.

Schminken für die Seele

Um schöne und leichte Momente geht es auch im Schminkkurs «Look Good Feel Better» in Basel. Die gleichnamige Stiftung organisiert in der ganzen Schweiz Kurse für krebsbetroffene Frauen, Männer und Jugendliche. Eine der Teilnehmerinnen in Basel ist Doris Schweizer. Nach einer schweren, von Brustkrebs geprägten Zeit kann sie endlich aufatmen. Auch ihre Haare sind nachgewachsen, bisher aber nur einige Zentimeter lang. 

Bis vor kurzem hat sie dies mit einer Perücke versteckt. Sie wollte nicht, dass jeder und jede im Dorf über ihre Krebserkrankung Bescheid weiss. Doch jetzt ist sie zum ersten Mal kurzhaarig in der Öffentlichkeit unterwegs. Um sich dabei besser zu fühlen, besucht sie nun den Schminkkurs für Krebsbetroffene.

Kleine Pinselstriche mit grosser Wirkung

In diesen Kursen lernen Frauen und Männer mit den sichtbaren Folgen der Krebserkrankung besser umzugehen, wie zum Beispiel dem Verlust der Kopfbehaarung, der Augenbrauen oder der Wimpern. Zudem wird Hautpflege gelehrt – denn die Haut von Krebskranken ist oft besonders strapaziert. Begleitet von ehrenamtlichen Kosmetikerinnen verwandeln sich die neun Frauen in Basel Schritt für Schritt.

Etwas Wimperntusche, die Augenbrauen nachgezeichnet – möglichst natürlich – und ein wenig Wangenrouge. Staunend schauen sie sich im Spiegel an: ein deutlicher Unterschied zu vorher. Auch Doris Schweizer fühlt sich gut. Heute ist sie zufrieden mit ihrem kurzhaarigen Look. «Früher war ich äusserlich eher brav unterwegs. Dank der Erkrankung wurde ich gezwungen, etwas Neues auszuprobieren. Mittlerweile finde ich meine kurzen Haare toll. Ich fühle mich bereit, so in die Stadt zu gehen.» Ein Make-up, das auch der Seele spürbar gutgetan hat.

Als bei David die Haare wegen der Chemotherapie auszufallen begannen, hat er sie abrasiert. Die Glatze steht David gut: Ein befreundeter Forscher attestierte ihm eine sehr schöne Kopfform. «Er muss es ja wissen als Anthropologe», sagt David und lacht. David und Gabriela helfen in der schwierigen Situation vor allem der Humor sowie der offene Umgang mit Davids Krebserkrankung. Das führe auch dazu, dass viel Hilfe und Unterstützung zurückkomme, davon sind die beiden überzeugt. Dem Tumor in Davids Kopf haben sie einen Namen gegeben. Sie nennen ihn Alphonso.

Das hilft auch ihrem Sohn, für den der Krebs dadurch fassbarer wird. Und entlastet so auch Gabriela. Denn auf ihren Schultern liegt viel. Oft muss sie sich um ihren Partner kümmern, und um ihren Sohn – und sich bei alledem selbst nicht vergessen.

Das Umfeld von Krebsbetroffenen leidet mit

Katja Streiff von der Krebsliga kennt die Sorgen von Angehörigen von Krebsbetroffenen. Diese würden im Prozess oft vergessen gehen. Sie rät daher den Angehörigen, für sich selbst genügend früh professionelle Unterstützung zu organisieren. Um einen Ort zu haben, wo sie über Ängste und Sorgen reden können. Zudem rät sie dringend, die eigenen Hobbys nicht zu vernachlässigen. «Um anderen zu helfen, muss man seine eigenen Batterien aufladen», so Streiff.

Wenn es darum geht, Krebsbetroffene zu unterstützen, hat sie zwei Tipps. Erstens: Keine ungefragten Ratschläge geben. Lieber fragen «Was brauchst du heute?». So sei man sicher, die betroffene Person nicht zu überfordern, sondern in ihrer Selbstbestimmung zu stärken. Zweitens: Ganz praktische Unterstützung im Alltag anbieten. Sie empfiehlt, ein Team von Helfenden zusammenzustellen, damit nicht alles an einer Person hängenbleibt. Geschätzt würden zum Beispiel Hilfe beim Kochen, Kinder hüten, oder Fahrdienste zur Therapie.

Ein Stück Zukunft planen

Bei David hat die Chemotherapie gut angeschlagen, sodass der Tumor nicht mehr aktiv ist. Die Frage ist nur, wie lange dieser Zustand anhält, da der Krebs schnell wieder aktiv werden kann. Nach der Chemotherapie hat er mit einer Bestrahlung beginnen können, die den Tumor direkt angreifen soll. Und so kann er mit seiner Familie ein Stück Zukunft planen – eine Reise nach Australien.

Puls, 24.03.2025, 21:05 Uhr;herzv

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