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Gedächtnisforschung Kleinkinder speichern Erinnerungen früher als gedacht

Ab vier Jahren beginnt das menschliche Gehirn, bleibende Erinnerungen zu speichern. Was aber passiert vorher? Haben wir schon als Kleinkinder ein Gedächtnis? US-Forschende zeigen nun in einer innovativen Studie: Schon Einjährige formen flüchtige Erinnerungen.

Nick Turk-Browne war sieben, als er an einem Sonntag mit seinen Eltern in seiner Heimatstadt Toronto einen Park besuchte. Es gab dort ein Planschbecken, auf dessen Boden befand sich ein Stück Glas. Der kleine Nick schnitt sich in den Fuss und musste ins Spital. «Davon habe ich noch immer eine Narbe», erzählt er.

Verlorene Gedächtnisspuren  

An die Zeit vor diesem Ereignis allerdings kann sich Nick Turk-Browne nicht erinnern. Das ist normal: Das bleibende Gedächtnis setzt bei Kindern frühestens im Alter von vier Jahren ein, bei manchen eben erst mit sieben. Wo seine frühen Jahre im Kopf geblieben sind, hat Nick Turk-Browne zeitlebens umgetrieben. Heute macht er innovative Gedächtnisforschung, als Psychologie-Professor an der Yale University in den USA.  

Die verschollenen Babyjahre  

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Schon im 19. Jahrhundert beschäftigte es die Wissenschaft, dass wir Menschen uns nicht an die ersten Lebensphasen erinnern. Damals dachte man, das Baby-Hirn sei schlicht zu wenig reif, um bleibende Erinnerungen zu formen. Anfang des 20. Jahrhunderts befand Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse: Doch, Kleinkinder haben Erinnerungen. Aber ihr Hirn unterdrückt diese, um das «psychosexuelle Trauma der Geburt» zu vergessen.  

Neuere Forschung an Menschen und auch Tierstudien zeichnen ein anderes Bild: Es geht nicht ums Verdrängen wie bei Freud, aber aus irgendwelchen Gründen sind uns frühkindliche Erinnerungen nicht mehr zugänglich.  

Warum dies so ist, dazu gibt es verschiedene Thesen. Eine besagt: Frühe Erinnerungen werden von ähnlichen Erfahrungen, die man als Kind immer wieder macht, mit der Zeit «überschrieben» und mit sprachlichen Assoziationen angereichert. Eine andere These hat mit dem Hippocampus zu tun – dem Ort im Hirn, wo sich die Erinnerungen einschreiben: Der Hippocampus wächst in den ersten zwei Jahren ums Doppelte, und es bilden sich laufend neue Nervenzellen. Neurowissenschaftler spekulieren deshalb, dass dieser sich stark wandelnde Hirnteil Erlebtes noch nicht dauerhaft speichern kann. Und dass frühe Erinnerungen sich nach einer Weile wieder verflüchtigen.

Nick Turk-Browne sagt: «Verschiedene Verhaltensstudien lassen darauf schliessen, dass Kleinkinder sehr wohl eine Art Gedächtnis haben.» Zudem hätten Studien an Ratten und Mäusen gezeigt, dass deren Erinnerungen schon im Babyalter gespeichert würden. Und zwar im Hippocampus, in den Tiefen des Gehirns.

Grafische Darstellung des Limbischen Systems
Legende: Blausen.com staff (2014)

Passiert das gleichermassen bei menschlichen Babys? Werden auch hier im Hippocampus erste Erinnerungen eingeschrieben? Das wollte die Gruppe um Nick Turk-Browne mit einem neuen Ansatz untersuchen, nämlich mithilfe funktioneller Magnetresonanztomografie.

Die erste Studie ihrer Art  

Für die Studie wurden kleine Kinder – sie waren zwischen vier und 25 Monaten alt – wach in einen Scanner gelegt, um einem Gedächtnistest zu folgen: Die Forschenden präsentierten den kleinen Probandinnen und Probanden eine Reihe von unbekannten Bildern, zum Beispiel eine Person, ein Gebäck oder eine Landschaft.

Wenn sie ein Bild zum zweiten Mal präsentiert bekamen und es wiedererkannten, dann sah man das einerseits an ihren Augen: Sie schauten länger drauf als auf ein unbekanntes Bild daneben. Andererseits sah man es auch im MRI.  «Wir können die Aktivität eines Hirnbereichs indirekt am Sauerstoffgehalt ablesen», erklärt Turk-Browne: «Wenn sie sich erinnern, strömt mehr sauerstoffreiches Blut in den Hippocampus, und das bedeutet, dass er aktiv ist.»

Wie in einer Schatzkammer 

Flavio Donato ist Professor für Neurobiologie an der Universität Basel. Auch seine Gruppe am Biozentrum forscht an neuronalen Netzwerken der Gedächtnisbildung, und zwar bei Mäusen. Die Ergebnisse der US-Kollegen findet Donato überzeugend: «Sie haben einen Beweis geliefert, dass der Hippocampus – zumindest für ganz bestimmte Aufgaben – bei Einjährigen ähnlich funktioniert wie bei Erwachsenen.» 

Allerdings sei dies noch kein Beweis für ein «episodisches Gedächtnis», bei dem man sich an Zeit, Ort und Personen eines Ereignisses erinnert. «Episodisches Erinnern bedeutet, solche Ereignisse von sich aus und spontan abzurufen – das können Kleinkinder nicht», sagt Flavio Donato.

Für Nick Turk-Brown bleibt diese Frage hingegen offen. «Wir wissen schlicht nicht, wie komplex frühkindliche Erinnerungen tatsächlich sind. Und wie nachhaltig sie im Gehirn gespeichert werden», sagt er. Er vermutet, dass die Erinnerungen zwar da, aber unzugänglich sind: «Verschlossen wie in einer Schatzkammer.» Der Psychologie-Professor der Yale University will weiter daran arbeiten, zu diesen Schätzen vorzudringen.

Wissenschaftsmagazin, 22.3.2025, 12:40 Uhr

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