Wie finden Einheimische noch Wohnungen, die für sie bezahlbar sind? Diese Frage stellt sich besonders akut in den Tourismusorten, nicht nur im Kanton Graubünden, sondern auch in anderen Bergregionen.
Gründe dafür sind unter anderem das Zweitwohnungsgesetz, das die Spekulation mit bestehenden Häusern fördert, und die Coronapandemie, die das Interesse an Immobilien in den Dörfern geweckt hat. Die Folge ist, dass die Mieten steigen und es für die Einheimischen immer schwieriger oder unmöglich wird, eine bezahlbare Wohnung zu finden.
Eine Möglichkeit, den Mangel an bezahlbarem Wohnraum zu beheben, sind Wohnbaugenossenschaften. Sie berechnen die Miete so, dass sie die Kosten decken, einschliesslich der Instandhaltung. Niemand macht einen Gewinn, es gibt keine Spekulation. Das Eigentum bleibt immer in der Hand der Genossenschaft. Sobald die Schulden zurückgezahlt sind, sinken die Mieten im Laufe der Zeit.
Vor neun Jahren baute die Wohnbaugenossenschaft in Lantsch/Lenz ihr erstes Gebäude, ein Haus mit acht Wohnungen für Einheimische. Diese waren von Anfang an belegt. Auch das Ehepaar Schmidt und ihre beiden Kinder hat hier ein bezahlbares Zuhause gefunden.
Zuvor hatten sie in der Region mehr als zwei Jahre lang erfolglos nach einer Wohnung für ihr Portemonnaie gesucht. Für ihre 4.5-Zimmer-Wohnung mit Garage bezahlten sie 1750 Franken. Wohnungen ähnlicher Grösse sind in Lantsch/Lenz bis zu 700 Franken teurer.
Die Initiative für die Wohnbaugenossenschaft ging von Privatpersonen aus der Gemeinde aus, Menschen, die selbst keine Wohnung benötigten. Idealisten, die die Bedürfnisse der Gemeinschaft sahen und sich für sie einsetzten.
«Wir haben das gemacht, um Familien anzuziehen. Wir haben zu wenige Mietwohnungen, daher mussten wir etwas unternehmen», sagt Renato Lenz, einer der Mitbegründer der Wohnbaugenossenschaft in Lantsch/Lenz. Und Donat Simeon, ein anderes Genossenschaftsmitglied, fügt hinzu: «Wir haben die Stunden, die wir für das Projekt gearbeitet haben, nicht gezählt. Die Freude der Menschen ist ein guter Lohn.»
Zehn Prozent günstigere Mieten
In rund einem Dutzend anderen Gemeinden des Kantons Graubünden sind ähnliche Projekte realisiert worden. Aber nicht immer sind solche Bestrebungen von Erfolg gekrönt. In Sagogn wollte die Familie Bundi auf ihrem Grundstück eine Wohnbaugenossenschaft realisieren.
In Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Graubünden stellte sie das Projekt vor zwei Jahren den Interessierten vor. Mehr als 100 Personen nahmen an der Veranstaltung teil. Es gab zwar Interesse an den Wohnungen, aber es fehlte an Engagement für die Idee. Die Wohnbaugenossenschaft Sagogn ist eine Vision geblieben.
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Insgesamt habe jedoch in den letzten Jahren die Nachfrage nach dieser Art des Wohnens zugenommen, sagt Jacques Michel Conrad, beim Verband Wohnbaugenossenschaften Schweiz zuständig für die Ostschweiz.
Der Preis für eine Genossenschaftswohnung sei in letzter Zeit etwa 10 Prozent unter dem Preis auf dem freien Markt gelegen. Conrad geht davon aus, dass diese Preisdifferenz in den nächsten Jahren noch grösser wird. Er gibt sich darum überzeugt, dass es sich für Gemeinden und Städte langfristig lohnt, in solche Projekte zu investieren.