«Es ist völlig absurd, dass ich mich immer erklären muss – dabei ist es doch einfach die Gesellschaft, die sich kaputt sauft und raucht.» Sofia Blanck ist Sängerin der Hardcore-Band «Divine Sentence», 23 Jahre alt und seit der Geburt «Straight Edge».
Sie konsumiert somit keine Zigaretten, ist abstinent und verzichtet gänzlich auf Fleisch. Was klingt wie ein Werbespruch einer lokalen Krankenkasse, ist das Credo einer ganzen Subkultur. Sofia ihrerseits hat noch nie einen Schluck Alkohol getrunken.
Die «Straight Edge»-Bewegung versucht sich am Kunststück, einen Balance-Akt zwischen Askese und Ekstase zu finden – mit hartem Punk und nüchternem Kopf. Wenn Sofia an ihren Konzerten singt, klingt das für Laien eher wie ein unkontrolliertes Schreien. Wenn das Publikum tanzt, gleicht die Meute einer wilden Barrauferei.
Für die 23-jährige Sängerin eine Euphorie, gar ein ekstatischer Rausch, der ohne einen Tropfen Alkohol entsteht. Hier findet sie ihr Hochgefühl, den Ausgleich zum Alltag, der gesellschaftlich oft mit Alkohol entfacht wird. Diese Haltung sei auch eine Widersetzung gesellschaftlicher Normen, ein Dagegensein.
Betrunkene stressen mich am Konzert.
Vor der Bühne, im tanzenden Publikum, sind jedoch weitaus nicht immer alle gleich nüchtern wie die Lead-Sängerin. «Wenn im Publikum ein paar völlig betrunken sind, stresst mich das schon», sagt Sofia. Grundsätzlich würden ihre Auftritte aber ohne benebelte Zwischenfälle über die Bühne gehen.
Als Musikerin versteht sie sehr wohl, dass die Klubs mit den Drinks am meisten Umsatz generieren, «aber es ist doch scheisse, dass man nicht einen Abend ohne Alkohol verbringen kann».
Kritik an Genussmitteln
Sofia stört sich auch am Begriff Genussmittel. «Was hat es mit Genuss zu tun, sich die Lunge kaputtzumachen oder am nächsten Tag nicht mehr zu wissen, was am Vorabend passiert ist?» Ihr Genussmittel sei es, unter Freundinnen zu sein und einfach Spass zu haben. Sie habe deshalb auch nicht Angst, etwas zu verpassen, «ich bin eher paranoid, dass ich dann etwas vergessen würde, was in einer Nacht passiert ist».
Das Wiedererkennungsmerkmal der Bewegung ist ein schwarzes «X». Das Versprechen der Entsagung trägt sie unverkennbar tätowiert auf der Haut. Für viele ist das Merkmal unter der Haut eine zusätzliche Motivation, den enthaltsamen Prinzipien treu zu bleiben. Sich dem nüchternen Leben zu frönen, sei auch Selbstbeherrschung – sich von keinen Substanzen in Zwanghaft nehmen zu lassen.
Veganismus als Mission
Sofia lebt «Straight Edge», dies gilt aber nicht für alle Bandmitglieder. Die gemeinsame Motivation der Band, neben dem Musizieren: der Veganismus. «Die Welt wäre eine schönere, wenn einfach alle vegan leben würden», sagt Sofia. Dieser Wunsch von Sofia ist in der Schweiz noch kühne Utopie: Weniger als ein Prozent der Bevölkerung lebt derzeit vegan.
Sofias Texte drehen sich mehrheitlich um das vegane Leben, mit einer unverblümten Kernbotschaft: «Go vegan or go fuck yourself.» Dieses Statement provoziert, und das sei auch das Ziel, «denn dieser Satz hat sich nach dem Konzert bei allen eingebrannt», erklärt Sofia.
Beim Alkohol ist Sofia nicht so unerbittlich. Dass nicht die ganze Band «Straight Edge» lebt, findet sie zwar etwas schade – es stört sie aber nicht, was ihre Bandmitglieder in der Freizeit machen. Hauptsache, sie respektieren ihren Lebensweg.