Erst letzte Woche erhob ein unabhängiger Untersuchungsbericht schwere Vorwürfe gegen die Londoner Polizei: Die Metropolitan Police (MET) sei institutionell rassistisch, frauenfeindlich und homophob. «Es ist nicht die Aufgabe der Öffentlichkeit, sich vor der Polizei zu schützen», bilanzierte die Autorin des Untersuchungsberichts. «Die Polizei muss die Bürgerinnen und Bürger schützen.»
Gerade für schwarze Menschen in Grossbritannien bleiben das aber oft leere Worte. Denn nun geraten die Gesetzeshüter in ganz England und Wales ins Zwielicht: Laut einem weiteren Untersuchungsbericht sollen innert vier Jahren bei fast 3000 Kindern und Jugendlichen Leibesvisitationen durchgeführt worden sein. Besonders oft mussten sich schwarze Jungen zwischen 10 und 17 Jahren der demütigenden Prozedur unterziehen.
«Vollkommen inakzeptabel»
Rachel de Souza, die Kinderbeauftragte der britischen Regierung, bezeichnete das Vorgehen als «vollkommen inakzeptabel». Leibesvisitationen könnten unter Umständen zwar nötig sein. Es brauche dafür aber «robuste Sicherheitsvorkehrungen». Heute sei es viel zu einfach, Intimuntersuchungen durchzuführen; es dürfe nicht sein, dass dies im Ermessen einzelner Polizeibeamter liege.
In dem Bericht beschreiben Kinder und Jugendliche, wie sie die Leibesvisitationen erlebt haben. «Viele der Fälle sind schockierend», sagt Peter Stäuber, der als freier Journalist aus London berichtet.
Ein Junge erklärt etwa, dass er mit 13 Jahren auf einer Polizeistation aufgefordert wurde, sich komplett zu entkleiden. Ohne Anwesenheit einer weiteren erwachsenen Vertrauensperson fand dann eine Intimuntersuchung statt – obwohl dies eigentlich vorgeschrieben wäre. Die anwesenden Polizisten sollen sich über die Prozedur lustig gemacht haben.
Leibesvisitation in Freizeitpark
Laut dem Bericht wurden teilweise Kinder ab acht Jahren untersucht, auch an Orten wie Freizeitparks, wo sie im Blickfeld der Öffentlichkeit waren. «Das ist ganz klar illegal und darf nicht passieren», sagt Journalist Stäuber. In einigen Fällen sollen Polizisten Mädchen und Polizistinnen Jungen untersucht haben, was ebenfalls gegen die Vorschriften verstösst.
Menschenrechtsexperten der UNO zeigten sich tief besorgt über die Enthüllungen. Menschen afrikanischer Abstammung seien in Grossbritannien noch immer Rassendiskriminierung ausgesetzt und würden fundamentaler Rechte beraubt.
Probleme lange bekannt
Leitende Beamte liessen verlauten, man nehme sich die Empfehlungen der Kinderschutzbeauftragten zu Herzen. Man sei sich bewusst, dass das Vertrauen in die Polizei unter schwarzen Britinnen und Briten sehr gering sei. Antirassistische Ausbildungskurse, die Kontrolle der Polizeibeamten und die Beschwerdeprozesse sollen verbessert werden.
Der Ruf der britischen Polizei ist nach vielen Fällen von Sexismus, Rassismus und Homophobie schwer ramponiert.
«Das alles klingt recht unverbindlich», sagt Stäuber. «Zumal schon in der Vergangenheit Reformen versprochen wurden.» Für ihn ist unstrittig, dass in der britischen Polizei vieles falsch läuft. «Ihr Ruf ist nach vielen Fällen von Sexismus, Rassismus und Homophobie schwer ramponiert.»
Neu sind die Probleme nicht. Schon 1999 prangerte der «Macpherson-Bericht» institutionellen Rassismus bei der britischen Polizei an. «Seither hat sich kaum etwas geändert», lautet Stäubers resignierendes Fazit. Das Problem sei zu tief verwurzelt, als dass ein schneller Wandel möglich wäre.