Zum ersten Mal seit 2011 gibt es wieder formelle bilaterale Gespräche zwischen China und Japan. Rund um den 40. Jahrestag des japanisch-chinesischen Freundschaftsabkommens reist der japanische Premierminister Shinzo Abe nun nach Peking. Doch die Ressentiments der asiatischen Wirtschaftsriesen gegeneinander sind deshalb nicht vergessen. Journalist Felix Lee sieht in der opportunistischen Annäherung auch ein Signal an US-Präsident Donald Trump.
SRF News: Was bedeutet der Zeitpunkt des Treffens?
Felix Lee: Das ist kein Zufall. Es ist ein höchst symbolisches Datum und mit Absicht gewählt. Die beiden grössten Volkswirtschaften in Ostasien, deren Verhältnis traditionell höchst konfliktbeladen ist, wollen ihre jüngste Annäherung symbolisieren.
Bei diesem Treffen geht es vor allem um wirtschaftliche Fragen. Was erhoffen sich die beiden Länder?
Japan ist eines der am höchsten entwickelten Länder der Welt, leidet aber seit mehr als 20 Jahren unter Wachstumsschwäche wegen eines weitgehend gesättigten Marktes.
China braucht Know-how, das Japan bieten kann.
Das aufstrebende China hingegen will mit der Agenda «Made in China 2025» in den nächsten Jahren zur führenden Hightech-Nation aufsteigen und stellt dafür Milliarden bereit. China braucht Know-how, das Japan bieten kann. Beide Länder können sich also gegenseitig sehr gut ergänzen.
Die Beziehungen zwischen Japan und China sind traditionellerweise schlecht. Woher kommt dieses neue Interesse aneinander?
Ausgerechnet US-Präsident Trump scheint die beiden Erzrivalen nun zusammenzuschweissen. Seit Monaten wettert er gegen China und hat bereits mehr als 40 Prozent des chinesischen Exports in die USA mit Strafzöllen belegt. China sucht nun dringend nach neuen Wirtschaftspartnern. Und da bietet sich Japan an.
Japan steht nach Trumps Aufkündigung des TPP ziemlich alleine da.
Japan wiederum erwirtschaftet ebenfalls einen gigantischen Handelsüberschuss mit den USA, was Trump ein Dorn im Auge ist. Als eine seiner ersten Amtshandlungen hatte er die Verhandlungen um das transpazifische Freihandelsabkommen gestoppt. Dabei hatte dieses TPP zum Ziel, sämtliche Anrainerstaaten des asiatisch-pazifischen Raums einzubinden – ausgenommen China. Japan hatte TPP besonders gepusht und steht nun, nach Trumps Aufkündigung, ziemlich alleine da. Nun muss Japans Premier Abe seine Strategie neu ausrichten und setzt hier auf China.
Die politischen Probleme wie der Streit rund um die Inseln im Ostchinesischen Meer sind deswegen ja nicht einfach vom Tisch?
Nein, das sind sie nicht. Die Ressentiments, die beide Länder die letzten Jahre gegeneinander gehegt haben, sitzen tief und die Konflikte sind ja auch weiterhin nicht gelöst. Sie rücken nur derzeit etwas in den Hintergrund.
Freunde sind Japan und China auch weiterhin nicht.
Eine Annäherung aufgrund der derzeitigen Handelspolitik der USA – kann das von Dauer sein?
Ich bin skeptisch. Sobald Trump auf Japan zugeht, wird sich Tokio von Peking wieder abwenden. Denn Freunde sind Japan und China auch weiterhin nicht.
Das Gespräch führte Hans Ineichen.