Die Aufnahmen aus der Stadt Sagaing im Zentrum Myanmars zeigen Bilder der Verwüstung. Trümmer und Schutt säumen die Strassen. Und Menschen, die seit Tagen im Freien übernachten müssen. Die Stadt mit ihren rund 300'000 Einwohnerinnen und Einwohnern wurde vom Erdbeben noch schwerer getroffen als das benachbarte Mandalay.
Die Kindergärtnerin Ei Lay meldet sich per Sprachnachricht. Sie stammt ursprünglich aus Sagaing, jetzt lebt und arbeitet sie in Mandalay. Sie sei nach dem Erdbeben zurück nach Sagaing gegangen, um den Opfern zu helfen. «Ein grosser Teil der Strasse dorthin ist zerstört, eine Brücke fiel in sich zusammen. Es ist schwierig, dorthin zu gelangen.»
Gemeinsam mit Freunden hat sie Wasser und Medikamente nach Sagaing gebracht. «Die Häuser am Flussufer zwischen Mandalay und Sagaing sind einfach in den Fluss gestürzt. Die Menschen harren auf den Strassen aus. Sie haben Decken ausgebreitet, aber weil es so heiss ist, können die wenigsten schlafen.»
Keine Hilfe von der Militär-Junta
Die Temperaturen in der Stadt erreichen 40 Grad. Organisiert werde fast alles von privater Seite, sagt Ei Lay. Von den Behörden gebe es keinerlei Hilfe. «Ich habe niemanden von der Militär-Junta gesehen, der der Zivilbevölkerung hilft. Im Gegenteil. Ein Soldat, den ich gesehen habe, stoppte einen grossen Lastwagen, und verlangte Schmiergeld. Weil der Lastwagenfahrer nicht zahlen konnte, liess er ihn nicht durch.»
Bilder wie aus einem Horrorfilm
Auch die Schweizerin Natalie Manach, die seit Jahren in Myanmar lebt, war gerade in Sagaing. Die Kaffeehändlerin hat zusammen mit ihrem Team 2000 Liter Wasser an die notleidende Bevölkerung verteilt. Was sie in der Stadt gesehen habe, erzählt sie, erinnere an einen Horrorfilm.
«Wenn man in die Stadt kommt, sieht man all die Trümmer, die obdachlosen Kinder, Mönche und Nonnen, weil die Stadt sehr bekannt ist für all die Pagoden und Klöster», sagt Manach. «Die schlafen jetzt alle auf der Strasse. Unter den Trümmern findet man Leute, die sich wegen Knochenbrüchen nicht bewegen können, und auch keine medizinische Hilfe anfordern können, weil sie keinen Zugang zum Internet und Telefonnetz haben.»
Die Hilfe vor Ort beschreibt sie als chaotisch. «Alle wollen lokal was tun, aber es gibt keine Koordination, am meisten bräuchte es ein Management dieser lokalen humanitären Hilfe. Derzeit warten wir noch immer auf die internationale Hilfe. Das wird noch etwas dauern, bis die Hauptstadt Naypyidaw dies abgesegnet hat und es zur Implementierung kommt.»
Immerhin: Inzwischen hatte die Militär-Junta offiziell einer vorübergehenden Waffenruhe mit Rebellengruppen zugestimmt – damit sollen Rettungsarbeiten und Hilfelieferungen in den umkämpften Gebieten vereinfacht werden.
Ein Grund zur Hoffnung? Ei Lay ist zurückhaltend. Sie sagt, die Menschen in Myanmar seien sehr skeptisch. «Ich glaube nicht, dass die Junta einfach aufhört zu schiessen», sagt sie. «Wir leiden nicht nur unter dem Krieg, sondern auch an den Folgen des Erdbebens. Ich glaube nicht mehr, was die Militär-Junta sagt.»
Laut Berichten von Widerstandsgruppen führen die Soldaten der Junta weiter Boden- und Luftangriffe durch. Überraschend kommt das nicht, hat die Junta doch schon in der Vergangenheit ihre Versprechen gebrochen.