Die Meldungen von Anschlägen in Afghanistan reissen nicht ab. Kürzlich wurden mehrere Militärstützpunkte im Norden des Landes angegriffen und eine Stadt eingenommen, dann ereignete sich im Osten des Landes ein Anschlag, bei dem über 20 Menschen starben. Die Taliban scheinen stärker denn je.
In den vergangenen Monaten konnten die Taliban Boden gut machen in Afghanistan. Laut Militärangaben kontrollieren die Aufständischen heute knapp einen Siebtel des Landes, ein weiterer Drittel ist umkämpft. Nur gerade die Hälfte der Bezirke in Afghanistan ist unter der Kontrolle der afghanischen Regierung.
Plündern und eine gute Presse haben
Dass die Taliban heute weniger Selbstmord-Attentate verüben, habe mit einem Strategiewechsel der Aufständischen zu tun, sagt Obaid Ali, von der Denkfabrik Afghan Analyst Network: «Seit April dieses Jahres setzen sie mehr auf Grossoffensiven in den Provinzhauptstädten und weniger auf Selbstmordattacken», sagt der Experte. So hätten sie kurzzeitig die strategisch wichtigen Städte Farrah und Ghazni einnehmen können. Es sei jedoch gar nicht ihr Ziel, diese Städte zu halten, erklärt Obaid Ali weiter.
«Die Taliban wollen einerseits diese Städte plündern, um sich Waffen, Fahrzeuge und Bargeld zu verschaffen und andererseits, um der internationalen Gemeinschaft zu zeigen, dass mit ihnen nach wie vor zu rechnen ist.»
Die US-Strategie war bisher kaum wirksam
Die Strategie der anderen Seite, namentlich der USA, mache den Taliban nicht viel Eindruck, sagt Obaid Ali. Dies obwohl US-Präsident Donald Trump vor einem Jahr seine Truppen im Land wieder aufgestockt hat, um die afghanischen Sicherheitskräfte zu unterstützen. Und er hat mehr Drohnen-Angriffe gegen die Taliban fliegen lassen.
Aus dieser neuen Trump-Strategie würden aber kaum territoriale Gewinne für die afghanischen Truppen resultieren, sagt Obaid Ali. Solche Aktionen würden im besten Fall die Taliban daran hindern ihre Präsenz noch mehr auszuweiten.
Die neue Strategie der Taliban scheint also zurzeit aufzugehen. Je mehr Grossoffensiven sie starten, desto grösser ist ihr Verhandlungsspielraum in Gesprächen mit den USA. Heute stehen die Zeichen für die Taliban jedenfalls besser denn je, direkt mit den USA verhandeln zu können. Die US-Regierung hat das bisher immer ausgeschlossen, das tut sie jetzt nicht mehr kategorisch.
«Atemberaubender Normalität» trotz IS und Taliban
Die Menschen in Afghanistan sind diesen Krieg schon lange müde, sagt SRF-Südasienkorrespondent Thomas Gutersohn. Sie wollen Frieden. Wer ihn bringt, ist inzwischen zweitrangig geworden.
Wie die Zivilbevölkerung ihren Wunsch nach Normalität in den ganzen Horror einzubauen verstehe, sei atemberaubend, sagt Gutersohn. Die folgende Bildergalerie und das Interview danach zeigt dies deutlich.
Das Kabul von heute
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Bild 1 von 10. Russische Kampfhubscharuber am Flughafen von Kabul. Seit 2010 verfügt Afghanistan wieder über eine Luftwaffe. Diese zählt über 200 Flugzeuge. Aber letztlich ist die reguläre Armee zu schwach, um die Taliban zu besiegen. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 10. Zuletzt wurde das Hotel Intercontinental im Januar 2018 angegriffen. Fünf Menschen starben, weitere sechs wurden verletzt. Die Taliban, welche das Hotel schon 2011 unter Beschuss genommen hatten, übernahmen die Verantwortung. Ein zynisches Kalkül, wie das Interview mit Thomas Gutersohn zeigt. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 10. Das Darul Aman Palace, einst als Parlamentsgebäude gedacht, ist in den 90er-Jahren während des Bürgerkrieges zerstört worden. Darul Aman, bedeutet Hort des Friedens. Bildquelle: SRF.
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Bild 4 von 10. Und dennoch: Es gibt sie, die Normalität im Chaos. Die Menschen arrangieren sich mit ihrer Angst vor Tod und Terror. Vermehrt tragen viele Afghanen stets einen kleinen Zettel in der Brusttasche. Darin sind Name, Vornahme eine Kontaktnummer und die Blutgruppe aufgelistet. Nötige Vorsichtsmassnahmen in Kabul. Bildquelle: SRF.
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Bild 5 von 10. Kabul hat auch anderes als Probleme zu bieten. Dieser Park im hochgesicherten Quartier Wazir Akbar Khan erinnert kaum an ein Kriegsgebiet. Einzig der Überwachungs-Zeppelin hoch oben zeugt von der Brüchigkeit der Normalität. Bildquelle: SRF.
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Bild 6 von 10. Dasht-e-Barchi, der Westen von Kabul, wird hauptsächlich von schiitisch gläubigen Afghanen bewohnt. Bildquelle: SRF.
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Bild 7 von 10. Früher war Dasht-e-Barchi eine der sichersten Gegenden in Kabul. Heute führt hier die Terrororganisation Islamischer Staat immer wieder Selbstmordattacken durch. Vor allem, um damit im Gespräch zu bleiben. Lesen Sie dazu das Interview im unteren Teil des Beitrages. Bildquelle: SRF.
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Bild 8 von 10. Der Vergnügungspark in Kabul ist 2014 eröffnet worden. Er bietet vielen Familien Erholung. Der Park wurde noch nie angegriffen. Ein Angriff wäre wohl der Strategie der Taliban nicht dienlich – sie brauchen den Rückhalt in der Bevölkerung. Bildquelle: SRF.
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Bild 9 von 10. Auf dem Hügel im Quartier Wazir Akbar Khan weht die grösste Fahne Afghanistans. Links davon ein grosses Plakat von Ahmad Shah Massoud, dem Nationalhelden Afghanistans. Er war der Anführer der Nordallianz und hat während dem Bürgerkrieg gegen die Taliban gekämpt. Was er nicht erreicht hat, scheinen nun auch die Amerikaner nicht zu schaffen. Bildquelle: SRF.
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Bild 10 von 10. TV-Mountain in Kabul: benannt nach den vielen Fernsehantennen darauf. Kabul liegt auf einem Hochplateau auf etwa 1800 Metern und ist umringt von Bergen. Das Klima ist trocken heiss im Sommer und sehr kalt im Winter. Das afghanische Volk will vor allem den Frieden. Von wem er kommt, wird immer mehr zur Nebensache. Bildquelle: SRF.
SRF News: Die Taliban kommen weg vom Sprengstoffgürtel. Sie überfallen neuerdings Städte, plündern sie aus und ziehen sich wieder zurück. Wie müssen sich das unsere Leser vorstellen?
Thomas Gutersohn: Die afghanische Armee ist nicht besonders gut ausgebildet. Die Taliban sind dagegen versierte Guerilla-Kämpfer. Sie infiltrieren die Zivilbevölkerung, unterwandern Sicherheitskräfte, umzingeln die Stadt und überrennen sie dann. Danach nehmen sie mit, was sie brauchen können, Autos, gepanzerte Fahrzeuge, Raketenwerfer, und ziehen sich wieder zurück. Die regulären Truppen sind mit dieser Taktik überfordert.
Was ist die langfristige Idee hinter dieser Strategie? Haben die Taliban ihr Primärziel, in Afghanistan ein islamisches Emirat zu konstituieren, aufgegeben?
Nein, überhaupt nicht. Die Kämpfer haben aber gelernt, dass ihr Ziel nicht ohne die Bevölkerung zu erreichen ist. Selbstmordattentate mit Dutzenden von toten Zivilisten sind nicht zielführend. Nur wenn es den Taliban gelingt, in der Wahrnehmung der Bevölkerung eine politische Option auf dem Weg zum Frieden zu sein, hat ihr Kampf überhaupt eine Chance. Das lässt sich auch an der veränderten Verlautbarungs- und Bekennungs-Kultur ablesen. Es kann sein, dass die Taliban ein Attentat ausführen mit 70 Toten. Nach Aussen verurteilen sie ihr eigenes Attentat, weil die Toten für ihr Image in der Bevölkerung schlecht sind. Nach einer Weile dann kommt der IS und reklamiert den Anschlag für sich.
Die Taliban möchten direkte Gespräche mit den USA führen. Was haben die Taliban von einer solchen Verhandlung – Donald Trump wird ihnen kaum ihren Traum vom Emirat erfüllen?
Es ist für alle Beteiligten schwierig. Auch für die USA. Trump möchte seine «Boys» heimholen. Das geht schlecht, wenn hier ein Bürgerkrieg herrscht. Die Taliban ihrerseits sind heute nicht mehr so homogen wie früher. Innerhalb ihrer Strukturen gibt es Verwerfungen der Machtansprüche. Mit diesen Gesprächen will man Querläufern den Wind aus den Segeln nehmen. Und man kann sich in der Bevölkerung als Friedensstifter inszenieren, der die USA an den Verhandlungstisch bringt. Viele Menschen in Afghanistan sagen: Wir wollen einfach nur Frieden, wer uns regiert, ist uns egal.
Würde das denn eintreffen, wenn man Afghanistan einfach sich selber überliesse?
Das glaube ich nicht. Viele die jetzt in der Regierung mithelfen, mit den USA verbündet, würden sich nie unter die Herrschaft der Taliban begeben. Abdul Raschid Dostum zum Beispiel. Der amtierende Vizepräsident war früher ein afghanischer Milizenführer, der mehrere Regionen im Norden des Landes unter Kontrolle hatte. Sollten die Taliban an die Macht kommen, würde Dostum, wie viele andere, sofort wieder für seine eigenen Interessen und die seines Clans agieren. Und da gibt es noch viele mehr.
Welche Rolle spielt der IS? Könnten die Extremisten in die Lücke einer paktierenden Taliban nachrücken?
Auf das Konto des IS in Afghanistan gehen zwar mehr zivile Opfer als auf jenes der Taliban. Dennoch ist der IS für die afghanische Regierung keine so grosse politische Bedrohung wie die Taliban. Der IS hat in Afghanistan gar keine politischen Ziele. Es geht ihnen bei ihrem Morden – so zynisch das klingt – um Publicity. Die Welt soll hören, dass sie noch da sind. Auch wenn es ihnen nicht gelungen ist, nach ihrer Implantierung 2014 in der Provinz Nangarhar noch weitere Gebiete unter ihre Kontrolle zu bringen. In der Bevölkerung haben sie kaum Rückhalt und so wird der IS wohl auch in Zukunft für das politische Schicksal des Landes keinen so grossen Einfluss haben.