Er ist das Aushängeschild der Bewegung, die Katalonien von Spanien ablösen will: Carles Puigdemont. 2017 war er als Regionalpräsident verantwortlich für die illegale Volksabstimmung über die Unabhängigkeit. Danach, als die spanische Zentralregierung hart gegen alle Beteiligten durchgriff, floh Puigdemont vor der Justiz, setzte sich ins Ausland ab.
Doch nun sollte seine Rückkehr kurz bevorstehen. Denn seit Mitte Juni ist das spanische Amnestie-Gesetz in Kraft, welches allen, die an der Organisation der Volksabstimmung beteiligt waren, Straffreiheit verspricht.
Das verschmierte Plakat
Das Aushängeschild des Separatismus hängt auch überlebensgross an einer Hausfassade über dem Dorfplatz von Amer. In diesem Dorf in der Provinz Girona ist Carles Puigdemont aufgewachsen. Sein riesiges Porträtbild ist allerdings mit dicken, schwarzen Pinselstrichen verschmiert. «Sie haben es übermalt, vor etwa zwei, drei Wochen. Sie kamen in der Nacht», beklagt sich Jordi, der im Dorf wohnt.
Er nimmt es aber gelassen, denn das passiere immer wieder. Sie brächten es dann wieder in Ordnung. Hinter der Schmiererei steckten Leute von auswärts, vermutet Jordi. «Denn hier im Dorf sind fast alle für die Unabhängigkeit.»
Das süsse Geschäft der Familie Puigdemont
Amer ist wegen Carles Puigdemont zu einem Symbol des Separatismus geworden. Die Familie Puigdemont ist in der Gegend allen bekannt, nicht nur wegen des berühmten Sohns, sondern auch wegen ihres Geschäfts. Die Süssigkeiten der «Pastisseria Puigdemont» sind beliebt.
Im Laden, wenige Meter vom Dorfplatz entfernt, steht Puigdemonts Schwester hinter dem Tresen. Über Carles spreche die Familie nicht in der Öffentlichkeit, sagt sie freundlich, den Laden fotografieren aber dürfe man.
Wieder draussen sprechen die Leute hingegen gerne über Carles Puigdemont. So etwa der 63-jährige Mingo. Er ging mit ihm zur Schule, ein Jahr über ihm, zusammen waren sie unter den ersten Unabhängigkeitsaktivisten im Dorf.
Weder links noch rechts, sondern unabhängig
Sonst sei er politisch mit ihm nicht einig. In der Frage der Unabhängigkeit aber müssten alle zusammenhalten, findet Mingo. Das habe Puigdemont auch immer betont. Eine katalanische Republik müsse weder links noch rechts sein, sondern unabhängig.
Noch ist allerdings unklar, wann Puigdemont sich wieder vor Ort für sein politisches Ziel einsetzen kann. Das neue Amnestie-Gesetz sollte den früheren Regionalpräsidenten zwar von der juristischen Verfolgung befreien. Doch der Haftbefehl gegen ihn ist noch nicht aufgehoben. Der Opposition nahestehende Richter versuchen, Puigdemont Straftatbestände nachzuweisen, die von der Amnestie ausgeschlossen sind.
Die spanische Justiz sei verpolitisiert, sagt Mingo dazu. Und wird noch deutlicher: «Bevor das Amnestie-Gesetz in Kraft getreten ist, haben die Richter bereits darüber diskutiert, wie sie es umgehen können. Was die Justiz betrifft, ist Spanien ein verrottetes Land.»
Die spitzfindigen, juristischen Auseinandersetzungen könnten auf jeden Fall noch andauern. In Amer warten viele auf Puigdemonts Rückkehr. So auch Maria-Teresa aus Barcelona, die hier seit zwanzig Jahren einen Zweitwohnsitz hat. «Dann werden hier viele Leute sein und ihn mit offenen Armen empfangen», sagt die Rentnerin.
Sie würden sich unter seinem grossen Porträt versammeln, das bis dann bestimmt wieder ohne Schmierereien über dem Dorfplatz prangen wird.