Die Familien-Idylle bei Justos zu Hause ist nahezu perfekt. Xavier Justo, der Schweizer Whistleblower, lebt mittlerweile in Kuala Lumpur, der Hauptstadt Malaysias. Mit ihm leben im schönen Haus seine Frau, sein Sohn, ein Hund, ein Papagei und eine Katze.
Nach turbulenten Jahren gehe es ihm nun endlich gut, erzählt der 53-Jährige neben seinem Pool, in Shorts und Hemd: «Ich bin frei, habe eine wunderbare Frau und einen süssen Jungen. Die harte Zeit ist vorbei und das Leben schön.»
Xavier Justo arbeitete früher als Nummer drei bei der Öl- und Gasfirma PetroSaudi. Schon lange hatte er sich über die exorbitant hohen Ausgaben von PetroSaudi gewundert und zwielichtige Geschäfte vermutet. Als er PetroSaudi im Streit mit den zwei Direktoren Patrick Mahony und Tarik Obaid verliess, nahm er einen Datensatz mit über 200'000 E-Mails mit.
Dann zog Justo mit seiner Frau nach Thailand. Justo vermutet: Dahinter steckt ein riesiger Finanzskandal. Der ehemalige Banker verkauft den Datensatz von PetroSaudi für zwei Millionen USD an den CEO der malaysischen Zeitung «The Edge». Ab März 2015 publizierte «The Edge» aufgrund der PetroSaudi-Daten eine Serie von Artikeln, die die Involvierung der malaysischen Regierung in die Korruptions-Affäre um 1MDB aufzeigten.
Der Malaysier Ho Kay Tat erinnert sich im Gespräch mit SRF News an das Treffen: «Wir mussten eine schnelle Entscheidung fällen, kaufen oder nicht. Natürlich sagten wir ja, denn die Daten waren die Beweise, die wir so dringend benötigt hatten. Ohne Xavier Justo wäre der Skandal um 1MDB wahrscheinlich noch viele Jahre länger vertuscht worden.»
Ohne Xavier Justo wäre der Skandal um 1MDB wahrscheinlich noch viele Jahre länger vertuscht worden.
Die Regierung von Najib Razak reagierte harsch und liess die Zeitung für drei Monate schliessen, doch die Journalisten publizierten auf dem Onlineportal weiter.
1MDB – Die Hauptdarsteller im Milliardenskandal
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Bild 1 von 7. Xavier Justo. Der Genfer ist der Whistleblower, der die Aufdeckung des Skandals ins Rollen brachte. Als Geschäftsführer der Öl- und Gasfirma PetroSaudi bemerkte er unsaubere Geldflüsse und gab nach seinem Abgang gut 200'000 E-Mails an Journalisten weiter. Nach einer Gefängnisstrafe in Thailand, und der Rückkehr in die Schweiz lebt er mittlerweile in Malaysia. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 7. Najib Razak. Najib Razak war von 2009 bis 2018 Premierminister von Malaysia. Bereits 2009 hat der Politiker den Staatsfonds 1MDB ins Leben gerufen, welcher dann von Geschäftsleuten und Politikern geplündert wurde. Bei der Wahl 2018 wurde Razak abgewählt und kurz danach festgenommen. Die Prozesse gegen den Ex-Premier dürften noch Monate oder sogar Jahre dauern. Bildquelle: Reuters.
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Bild 3 von 7. Jho Low. Eigentlich heisst der malaysische Geschäftsmann Low Taek Jho – er gilt als Architekt des Finanzskandals. Im Herbst 2019 erzielte er mit den USA einen Vergleich über eine Zahlung von fast einer Milliarde US-Dollar, die Anklagen bleiben aber bestehen. Wo sich Low aufhält ist unbekannt, man geht von China oder den Vereinigten Arabischen Emiraten aus. Bildquelle: imago images.
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Bild 4 von 7. Rosmah Mansor. Sie ist die zweite Frau des ehemaligen malaysischen Ministerpräsidenten Najib Razak. Ihr luxuriöses Leben wurde grösstenteils aus dem Staatsfonds 1MDB finanziert. So hat die Polizei unter anderem 284 Schachteln mit Designer-Handtaschen konfisziert. Eine Halskette mit einem pinken Diamanten für 23 Millionen US-Dollar wurde noch nicht gefunden. Bildquelle: Reuters.
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Bild 5 von 7. Riza Aziz. Der Stiefsohn des ehemaligen malaysischen Premiers Najib Razak war ein Studienkollege des Drahtziehers Jho Low. Er soll 248 Millionen US-Dollar aus dem Staatsfonds 1MDB erhalten haben, ein Grossteil floss in seine Filmproduktionsfirma Red Granite Pictures. Damit wurde unter anderem der Hollywood-Streifen «The Wolf of Wall Street» finanziert. Bildquelle: Reuters.
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Bild 6 von 7. Ho Kay Tat. Der CEO der malaysischen Zeitung «The Edge» hat Xavier Justo die E-Mails von PetroSaudi für zwei Millionen Dollar abgekauft. Ab März 2015 veröffentlichte die Zeitung eine Reihe von Artikeln über den Staatsfonds 1MDB. Die Regierung schloss die Zeitung für ein paar Monate, Journalisten veröffentlichten jedoch weiterhin Artikel auf dem Online-Portal. Bildquelle: The Edge Markets.
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Bild 7 von 7. Mahathir Mohamad. Der inzwischen 93-jährige Mahathir hatte das Land bereits früher über 20 Jahre lang regiert, bevor er 2018 erneut zur Wahl antrat. Er schlug den durch den Skandal angeschlagenen Najib Razak, obwohl die Opposition am Wahlkampf gehindert wurde. Nach dem Sieg erklärte es Mohamad zur Priorität, die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen. Bildquelle: Reuters.
In Thailand wurde Xavier Justo kurz nach den ersten Publikationen verhaftet, ins Gefängnis in Bangkok gesteckt und angeklagt. Er habe PetroSaudi mit den gestohlenen Daten zu erpressen versucht. Auf Anraten eines angeblichen Scotland-Yard-Polizisten legte Justo ein Geständnis ab. Inzwischen weiss man: Dahinter steckte die sogenannte «Genfer Connection» um die PetroSaudi Direktoren Obaid und Mahony.
Mit der Zeit im thailändischen Gefängnis verbindet Xavier Justo schmerzhafte Erinnerungen: «Ich schlief auf dem Boden in einer Zelle mit einem Loch als Toilette, die ich mit 50 Leuten teilte. Es war so eng, dass ich die Füsse der anderen ständig im Gesicht hatte. Alle schissen und pissten und masturbierten die ganze Nacht.»
Alle schissen und pissten und masturbierten die ganze Nacht.
Nach eineinhalb Jahren wurde Xavier Justo begnadigt und aus dem Gefängnis entlassen. Er kehrt in die Schweiz zurück, wo die Bundesanwaltschaft seit November 2017 gegen die PetroSaudi Bosse Obaid und Mahony wegen Betrug, kriminellem Mismanagment und Geldwäscherei ermittelt.
Justo ist in der Schweiz als Whistleblower nicht geschützt. Seit einem Jahr ermittelt die Bundesanwaltschaft auch gegen ihn wegen Industriespionage, nachdem PetroSaudi gegen ihn Strafanzeige eingereicht hatte. Im Herbst 2019 entschliesst er sich mit seiner Frau und seinem Sohn nach Malaysia auszuwandern.
Dass er nun selbst im Scheinwerferlicht der Schweizer Justiz sei, während seine ehemaligen Chefs weiterhin auf freiem Fuss sind, versteht Justo nicht.
Auch Ho Kay Tat, der CEO der malaysischen Zeitschrift «The Edge» ist von der Schweizer Justiz enttäuscht: «Die Schweizer haben grosse Ankündigungen gemacht und viel versprochen. Doch während in den USA und Singapur Urteile gefällt wurden und in Malaysia nach dem Regierungswechsel die Untersuchungen schnell vorangetrieben werden, ist in der Schweiz nichts passiert. Was brauchen die Schweizer noch für Beweise, um endlich die Schuldigen zu verurteilen?»
Die Schweizer Bundesanwaltschaft schreibt dazu auf Anfrage von SRF News, über den zeitlichen Rahmen oder Verlauf von Strafverfahren könne sie keine Prognose machen, da es sich bei Strafverfahren um dynamische Prozesse handle. Sie bestätigt jedoch, dass sieben Milliarden Dollar im Zusammenhang mit 1MDB durch die Schweiz geflossen seien. 400 Millionen Franken wurden eingefroren und würden nach Abschluss der Verfahren an die Geschädigten zurück gezahlt werden.
1MDB – Die Beute
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Bild 1 von 5. Die Luxus-Yacht. Der mutmassliche Drahtzieher des Finanzskandals um den malaysischen Staatsfonds 1MDB, Jho Low, hatte die Yacht «Equanimity» für 250 Millionen US-Dollar gekauft. 2018 wurde die Yacht von den malaysischen Behörden konfisziert. Sie wurde danach in «Tranquility» umbenannt und für knapp 130 Millionen Dollar einer malaysischen Handelsfirma verkauft. Bildquelle: Reuters.
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Bild 2 von 5. Millionen und Abermillionen Dollars. In Häusern und Wohnungen des ehemaligen Premierministers von Malaysia, Najib Razak, wurden nach seiner Abwahl und Verhaftung 30 Millionen US-Dollar in bar gefunden und beschlagnahmt. Auf seinen Konten landeten 2013 undeklarierte Gelder in der Höhe von 700 Millionen US-Dollar. Auch Jho Low warf mit Millionen nur so um sich. Bildquelle: Reuters.
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Bild 3 von 5. Der pinke Diamant. Hat ihn die Frau des malaysischen Ministerpräsidenten aus dem Staatsfonds gekauft – oder nicht? Die Rede ist von einem pinken Diamanten mit 22 Karat im Wert von 23 Millionen Dollar. Rosmah Mansor bestreitet es nach wie vor vehement, die Ermittlungsbehörden behaupten, es gebe klare Beweise. Fakt ist: Der Diamant ist mittlerweile verschwunden. Bildquelle: Reuters.
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Bild 4 von 5. Der Hollywood-Streifen. Riza Aziz, der Stiefsohn des ehemaligen malaysischen Premiers, tauchte mit seiner Produktionsfirma Red Granite Pictures wie aus dem Nichts in Hollywood auf. Für den Film «The Wolf of Wall Street» mit Leonardo die Caprio von Martin Scorsese (2013) machte die Produktionsfirma 50 Millionen Dollar locker. Bildquelle: Reuters.
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Bild 5 von 5. Glitzer und Glamour. Jho Low umgab sich gerne mit den Schönen und Reichen der Glamourwelt. So feierte er mit dem Geld aus dem Staatsfonds 1MDB Parties mit Paris Hilton oder schenkte dem Supermodel Miranda Kerr ein durchsichtiges Piano. 2013 zeigte er sich an einer Wohltätigkeitveranstaltung mit Sängerin Alicia Keys in New York (im Bild). Bildquelle: imago images.
Xavier Justo hat für die gestohlenen Daten von der Zeitung «The Edge» zwei Millionen US-Dollar erhalten. Ein Grossteil des Geldes sei jedoch in Anwaltskosten geflossen, erklärt er frustriert. Im Herbst hat der Genfer die Schweiz verlassen, nicht wegen des laufenden Strafverfahrens, sondern weil er sich in Malaysia viel willkommener fühlt. Er baut sich nun dort ein neues Leben auf. In Malaysia werde er gefeiert wie ein Held, sagt er.