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Taxifahrer in London Die schwierigste Geografie-Prüfung der Welt

London: Das sind fast 9 Millionen Menschen. 300 Sprachen, 25’000 Strassen und Sehenswürdigkeiten. Wer sich in diesem Labyrinth zurechtfinden will, benötigt einen guten Orientierungssinn. Besonders gilt das für die Fahrerinnen und Fahrer der schwarzen Londoner Taxis, den Cabbies.

Wer eines dieser legendären Taxis besitzen und lenken will, muss zuerst seine Ortskenntnisse beweisen. Das sogenannte «Knowledge». Das Strassenverzeichnis. Dieses weist einem stets die schnellste Route durch London, aber vielen auch den Weg zum Aufstieg in der britischen Gesellschaft.

Städtische Strasse mit Autos und Fussgängern, Bäume und Flaggen an Gebäuden.
Legende: Tausende «Black Cabs» gibt es in der englischen Hauptstadt London. Reuters

Unter einer Eisenbahnbrücke im Osten Londons schraubt ein Mann an einem zerbeulten Auto herum. Eine struppige Katze frisst die Reste einer Pizza und neben einer Kellertreppe stehen einige junge Männer und rauchen. Hier befindet sich die WizAnn Knowledge School.

Ziegelgebäude mit Taxi-Werbung und Motorrad im Vordergrund.
Legende: Im Osten von London, im Ortsteil Limehouse, befindet sich die Taxi-Schule. SRF

Im engen Souterrain sind auf Holzplatten Stadtpläne von London aufgespannt. Davor sitzen Männer, die mit geschlossenen Augen mantraartig vor sich hinmurmeln.

Einer von ihnen ist Luc. Was er rezitiert ist aber weder ein Gebet noch eine magische Formel, sondern der schnellste Weg von Hackney Station zu einem Fischrestaurant an der Paradise Road. Während Luc Strassennamen, Kreuzungen, Kreisel und andere Wegmarken nennt, zeichnet sein Kollege Steve mit einem Filzstift die Route auf dem Stadtplan nach.

Mann schreibt mit Stift auf grosse Karte mit Lupe.
Legende: Konzentriert zeichnet Steve auf einem Londoner Stadtplan den schnellstmöglichen Weg ein, um von A nach B zu kommen. SRF

Am Ende der imaginären Fahrt, wird mit einem Wollfaden auf der Karte kontrolliert, ob die Route tatsächlich der direkteste Weg durch London war.

20'000 Strassennamen auswendig lernen

Luc bereitet sich seit zwei Jahren auf das «Knowledge» vor – das Strassenverzeichnis, das jeder Fahrer und jede Fahrerin eines schwarzen Londoner Taxis kennen muss. Gegen 20’000 Strassennamen, inklusive Einbahnsignalen, Fahr- und Abbiegeverboten, 5000 Museen, Restaurants, Clubs und anderen Sehenswürdigkeiten. Wichtig sei insbesondere, wie man diese von jedem beliebigen Ort der Stadt am schnellsten erreiche, erklärt Schuldirektor Dean.

Mann mit Bart in einem Raum mit Postern und Bücherstapel.
Legende: Schuldirektor Dean Warrington hat die WizAnn Knowledge School 1996 gegründet. SRF

«Das Wissen und der Wortschatz, den man kennen muss, um diese Prüfung zu bestehen ist enorm. Es sind dicke Bücher. Der Unterschied zwischen den Strassenbüchern Londons und einem Roman ist jedoch: Sie müssen nicht allein die Story kennen und erzählen können. Sie müssen das Buch Wort für Wort mit jedem Satzzeichen auswendig kennen.»

Cabbies besitzen grösseren Hypocampus

Die Vorbereitung auf die Prüfung dauert durchschnittlich zwei bis vier Jahre. In dieser Zeit wird das Gehirn neu verdrahtet. Das ist durchaus wörtlich gemeint. Neurobiologen haben herausgefunden, dass die Cab-Fahrerinnen und -Fahrer, die sogenannten Cabbies, in London einen grösseren Hypocampus haben als der Rest der Menschheit. Der Hypocampus ist das Hirnareal, in dem das Gedächtnis liegt. Trainiert werde dieses Schritt für Schritt. Angefangen werde mit den 320 Normal-Routen durch London. Die müsse man beherrschen wie das Einmaleins.

Mann studiert eine grosse Landkarte am Tisch.
Legende: Luc murmelt leise vor sich hin, während er auf die Stadtkarte starrt. SRF

Am Ende seiner Ausbildung kennt ein Cabby etwa 3000 solcher Routen. Das Examen wird oft als die schwierigste Geografie-Prüfung der Welt bezeichnet. Wer sie besteht, könne es mit jedem Satellitennavigationsgerät aufnehmen, sagt der Schuldirektor. Noch nicht ganz so weit ist Schaiful Islam.

Mann mit rotem Lanyard vor Ziegelwand.
Legende: Schaiful Islam will es schon bald mit einem Satellitennavigationsgerät aufnehmen können: Fleissig bereitet er sich auf die schwierigste Geografie-Prüfung der Welt vor. SRF

Er komme morgens gegen acht und verlasse den Keller im Osten Londons meist erst um Mitternacht. Finanziert wird sein Studium zurzeit von Verwandten. Früher arbeitete er nebenbei als Pizzakurier oder Nachtwächter. Er kenne mittlerweile über 6000 Strassennamen, dafür habe er vergessen, wann seine Frau Geburtstag habe.

Als Fahrer eines schwarzen Taxis bist du dein eigener Chef.
Autor: Schaiful Islam Cabby in Ausbildung

Der 30-jährige Schaiful ist vor fünf Jahren aus Bangladesch nach Grossbritannien gekommen. Nach seiner Ankunft hat der ausgebildete IT-Ingenieur auf dem Bau gearbeitet. Heute lernt er Tag und Nacht für die Taxiprüfung. «Was das ‹Knowledge› bedeutet, ist nicht einfach zu erklären. Eigentlich alles: Freiheit, Respekt und ein sicheres Einkommen. Man kann seine Arbeitszeit einteilen. Als Fahrer eines schwarzen Taxis bist du dein eigener Chef. Du kannst dir etwas leisten. Man ist jemand», sagt Schaiful.

Taxis in nächtlicher Stadtstrasse mit Weihnachtsbeleuchtung.
Legende: Um ein solches «Black Cab» lenken und besitzen zu dürfen, müssen die Fahrerinnen und Fahrer Tausende Strassen auswendig lernen. Reuters

Die schwarzen Cabs werden zwar von den Stadtbehörden reguliert und beaufsichtigt, aber jeder Taxifahrer ist ein selbstständiger Unternehmer. In ein bis zwei Jahren wird es auch bei Schaiful so weit sein. Er werde die Prüfung absolvieren. Die ersehnte grüne Emaille-Plakette der lizenzierten Cabbies erhalten. Ein letztes Mal die Treppe aus dem Souterrain im Osten Londons hochgehen. In sein eigenes Black Cab einsteigen, das Taxi-Leuchtschild einschalten und am Ende der Strasse rechts in eine bessere Zukunft abbiegen.

Echo der Zeit, 29.3.2025, 18 Uhr ;stal

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