Nach 36 Jahren in der nationalen Politik ist Schluss: Paul Rechsteiner tritt Ende Jahr als Ständerat zurück. Seit 2011 war er in der kleinen Kammer. Im Interview spricht Rechsteiner über den Zeitpunkt des Abgangs, seine Nachfolge und darüber, was seine Zukunft jetzt bringen soll.
SRF News: Im «Tagblatt» steht, der Zeitpunkt Ihres Rücktritts sei Ihr «letzter Coup». Warum treten Sie jetzt zurück?
Paul Rechsteiner: Ich bin seit 45 Jahren in einem Parlament. Ich hätte mir nie vorstellen können, einen derart langen Zyklus zu haben. Nach 36 Jahren in Bern ist es, glaube ich, erlaubt, zurückzutreten.
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Bild 1 von 13. Paul Rechsteiner tritt als Ständerat zurück. Der St. Galler blickt auf eine lange Polit-Karriere zurück. Bildquelle: Keystone / Alessandro della Valle.
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Bild 2 von 13. Seit 1986 politisiert Rechsteiner (r.) auf nationaler Ebene. Im selben Jahr steht er für die Unterstützung der Sahraouischen Bevölkerung im Westsahara-Konflikt ein. Ebenfalls im Bild: die damaligen Nationalräte Francois Borel und Francoise Pitteloud (beide SP). Bildquelle: Keystone / STR.
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Bild 3 von 13. Anlässlich einer Debatte über die international beschlossenen Sanktionen gegen Südafrika 1988 spricht Rechsteiner mit seinen Parteikollegen Moritz Leuenberger und Ursula Mauch. Bildquelle: Keystone / STR.
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Bild 4 von 13. Paul Rechsteiner (l.) ist in Bern ein geschätzter Kollege. Schon 1989, als er sich mit CVP-Bundesrat Arnold Koller unterhaltet. Bildquelle: Keystone / STR.
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Bild 5 von 13. 1993 kämpft er für die Initiative «40 Waffenplätze sind genug – Umweltschutz auch beim Militär», zusammen mit Sekretär Michael Walther (m.) und Medienbeauftragter Urs Höltschi (r.). Bildquelle: Keystone / Jürg Müller.
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Bild 6 von 13. Bis 2011 politisiert Rechsteiner für die SP im Nationalrat. Hier ist er 2003 im Gespräch mit dem Tessiner FDP-Nationalrat Fulvio Pelli. Bildquelle: Keystone / Lukas Lehmann.
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Bild 7 von 13. Über die Jahre hinweg ist Rechsteiner lange Vorkämpfer für die Gewerkschaften. Von 1998 bis 2018 ist er Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds. Bildquelle: Keystone / Dominic Favre.
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Bild 8 von 13. Als oberster Gewerkschafter der Schweiz setzt er sich jahrzehntelang für die Rechte von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern ein. Bildquelle: Keystone / Monika Flückiger.
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Bild 9 von 13. 2011 wird der St. Galler in den Ständerat gewählt. Bei der Feier im Hofkeller im St. Galler Regierungsgebäude jubelt er mit einer Rose in der Hand. Bildquelle: Keystone / Regina Kühne.
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Bild 10 von 13. Durch und durch ein Roter: Paul Rechsteiner ist neben seiner Tätigkeit als Anwalt seit über 40 Jahren in der SP und ein Partei-Urgestein. Bildquelle: Keystone / Peter Klaunzer.
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Bild 11 von 13. 2019 tritt er ein letztes Mal als Ständerat für den Kanton St. Gallen an. Bildquelle: Keystone / Gian Ehrenzeller.
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Bild 12 von 13. Paul Rechsteiner im Gespräch mit der heutigen FDP-Bundesrätin Karin Keller-Sutter. Mit der Justizministerin war er zuvor sieben Jahre lang im Ständerat. Bildquelle: Keystone / Anthony Anex.
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Bild 13 von 13. Rechsteiners jetziger Noch-Ständerats-Kollege aus St. Gallen ist Benedikt Würth (l.) von der Mitte-Partei. Bildquelle: Keystone / Alessandro della Valle.
Warum glauben Sie, dass die SP bei vorgezogenen Wahlen bessere Chancen hat, den Sitz zu verteidigen?
Ich habe so entschieden, um eine Einer-Vakanz zu ermöglichen, ohne Einbezug der Partei. Es geht um das Anliegen einer breit abgestützten Abordnung im Ständerat. Das war seit 2011 ein Erfolgsrezept. Einerseits jemand mit Verankerung auf bürgerlicher und wirtschaftlicher Seite, andererseits jemand, der das soziale St. Gallen vertritt. Die Kombination ermöglichte es uns, sehr viel zu erreichen, zum Beispiel in der Bahnpolitik.
Was mich länger zögern liess, war die enorme Reaktion aus der Bevölkerung.
Klar kommt es vielleicht überraschend. Ich wollte aber meine Verantwortung für die St. Galler Bevölkerung wahrnehmen. Ständeratswahlen sind Personenwahlen, diese Einer-Vakanz ermöglicht das jetzt.
Wann haben Sie Ihre Partei informiert?
Vor ein paar Tagen die Parteipräsidentin. Den Entscheid für mich habe ich vor Monaten gefällt.
Spürten Sie in den letzten Jahren Druck Ihrer Partei, weil Sie immer wieder angetreten sind?
Was mich länger zögern liess, war die enorme Reaktion aus der Bevölkerung. Am Donnerstag noch sprachen mich zwei Menschen auf dem Weg ins Büro an. Eine rührende Frau, die sagte, wie wichtig es sei, dass ich in Bern sei und auch die Anliegen von Leuten vertrete, die nicht so viel Geld haben.
Ich werde ein politischer Mensch bleiben.
Solches Echo war immer mit einer starken Verantwortung verbunden. Kein Mensch ist ewig. Ich habe einen Zeitpunkt gewählt, der auch von Verantwortung geprägt ist. Ich hoffe, dass auch die soziale Kraft in Bern stark vertreten bleibt.
Ist es möglich, dass die SP und die Grünen sich auf eine gemeinsame Kandidatur einigen?
Das ist Sache der Partei. Mein Anliegen war, dass die St. Galler Bevölkerung eine echte Wahl hat, indem diese nicht im Zug der Gesamterneuerungswahlen von nationalen Themen überschattet wird. So ist es möglich, dass es einen St. Gallischen Wahlgang gibt, mit St. Gallischen Themen in St. Gallischen Medien.
36 Jahre Politiker in Bundesbern – was war Ihr Highlight?
Es gab viele Highlights, aber auch schmerzhafte Niederlagen. 2011 war alles neu, als wir den Ständeratssitz eroberten. Seither ist die SP im Ständerat keine Randgruppe mehr wie heute die SVP, sondern eine starke Kraft, die mit den anderen die Zukunft gestaltet.
Wie schwer fällt Ihnen der Wechsel in die Beobachter-Rolle?
Es gibt immer ein Vorher und ein Nachher. Ich war mit Leidenschaft 20 Jahre Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds. Als ich 2018 zurücktrat, habe ich gezeigt, dass ich zurücktreten kann. Ich werde ein politischer Mensch bleiben, werde als Präsident aktiv in der Paul-Grüninger-Stiftung sein und behalte noch ein Pensum als Anwalt. Ich bin zuversichtlich, dass meine nächsten Jahre auf eine ganz andere Art interessant werden.
Das Gespräch führte David Lendi.