Im Himalaja – dem höchsten Gebirge der Welt – kommt es immer wieder zu schweren Naturereignissen wie Felsstürzen, Murgängen und Lawinen, die oft viele Todesopfer fordern. Die lokalen Behörden haben bisher nur begrenzte Möglichkeiten, solche Ereignisse frühzeitig zu erkennen.
Seit Jahren erhalten sie aber Unterstützung aus der Schweiz – vom Schnee- und Lawinenforschungsinstitut (SLF) in Davos. Das SLF nutzt Satellitendaten, um vor Ort potenzielle Gefahrenzonen zu überwachen. «Wir beobachten Rutschungen und testen Ansätze für Frühwarnsysteme. So können wir erkennen, wenn sich grosse Fels- oder Eismassen in Bewegung setzen und abzustürzen drohen», erklärt Yves Bühler, Projektleiter am SLF.
Ein Team des SLF arbeitet seit vier Jahren an dem Projekt, das Naturkatastrophen im indischen Himalaja-Gebiet früher erkennen soll. Mittels Satelliten und Simulationssoftware analysieren die Forschenden Bewegungen von Fels, Schutt und Eis, um Gefahrenzonen zu identifizieren.
Ziel ist es, Frühwarnsysteme zu entwickeln, das lokale Fachpersonal entsprechend zu schulen und die Gefahrenkarten zu verbessern. Mehrfach reisten dafür SLF-Expertinnen und -Experten nach Indien, ebenso war ein indischer Forscher in Davos zu Gast.
Finanzielle Unterstützung erhält das Projekt vom Bund: Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) finanziert es mit 230'000 Franken. Einen vergleichbaren Betrag steuert das SLF selbst bei.
Himalaja schwerer zugänglich als die Schweiz
Die Herausforderungen im Himalaja unterscheiden sich von jenen in der Schweiz: «In der Schweiz haben wir relativ viel Geld, das wir bei einer Katastrophe einsetzen können», erklärt Bühler. Anders sei es im Himalaja.
Die Dinge, die wir in der Schweiz entwickeln, können einen riesigen Impact auf andere Bergregionen der Welt haben.
Auch die topografischen Unterschiede seien eine Herausforderung. «In der Schweiz können Überwachungssysteme relativ einfach am Boden installiert werden. Dort ist alles viel aufwendiger und schwieriger.» Und es fehle auch an Daten: «Man weiss dort oft viel weniger, wo die Gefahren lauern», so Bühler.
Deshalb könne man mit den Systemen, die in der Schweiz entwickelt wurden, einen «riesigen Impact in anderen Gebirgsregionen auf der Welt» haben.
Erfahrungen aus Brienz helfen weiter
Umso wertvoller sind die Erfahrungen, die die Forscher aus Davos aus ihrer eigenen Heimat ziehen können: Das Bündner Dorf Brienz, das seit Jahrzehnten permanent Richtung Tal rutscht und bereits einen Felssturz erlebte, bietet eine wichtige Grundlage für das Projekt.
«In Brienz gibt es viele permanente Messungen und damit eine grosse Datenmenge. So können wir neue Satellitentechnologien direkt testen und ihre Grenzen ausloten», erklärt Bühler.
Diese Erkenntnisse helfen, die Satellitendaten aus dem Himalaja besser zu interpretieren und genauere Vorhersagen zu treffen.
Zukunft des Projekts noch offen
Das Projekt läuft noch bis Ende 2025. Danach müssten die indischen Fachkräfte die Auswertung selbstständig übernehmen. Eine Verlängerung der Zusammenarbeit sei jedoch nicht ausgeschlossen. Es komme darauf an, wer es finanziere, sagt Bühler. Von indischer Seite bestehe jedenfalls Interesse, die Kooperation weiterzuführen.