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Streitpunkt Frühfranzösisch Französisch in der Primarschule zunehmend unter Druck

Soll «Franz» weg in der Primarschule? Das Ausserrhoder Parlament ist dafür. Auch andere Kantone spielen mit der Idee, auf eine zweite Landessprache auf dieser Stufe zu verzichten.

Zum Auftakt der Kantonsratssitzung begrüsste der Ausserrhoder Bildungsdirektor Alfred Stricker (parteiunabhängig) die Parlamentarier und Parlamentarierinnen themengerecht auf (falschem) Französisch: «Monsieurs les Conseils cantonal Appenzell-Ausserrhoden, Monsieur le Président, Monsieur le Landammann.» Um anzufügen, dass er nicht wisse, ob der Begriff «Landammann» auf Französisch überhaupt existiere.

Die Debatte vom 24. März 2025 über die Frage, ob Französisch bereits in der Primarschule oder erst an der Oberstufe unterrichtet werden soll, verlief emotional.

Eine der Motionärinnen war die ebenfalls parteiunabhängige Kantonsrätin Sandra Weiler. Sie umschrieb das Ziel der Motion wie folgt: «Kindern und Lehrpersonen soll die Möglichkeit gegeben werden, in der Primarschule den Fokus wieder auf die Grundkompetenzen zu legen und die Überforderung der Kinder zu vermeiden.»

Unterstützung kam vor allem von bürgerlicher Seite, etwa von Astride Bischof von der FDP. Es gehe nicht um die Abschaffung von Französisch: «Wir wollen aber die Effizienz des Bildungssystems optimieren.» Daher sei es richtig, erst später – in der Oberstufe – Französisch zu lernen.

SP: «Schlag ins Gesicht der Romandie»

Auf der anderen Seite, bei der SP, sah man dagegen den nationalen Zusammenhalt gefährdet. Judith Egger sprach von einem Signal an die Westschweiz, dass Appenzell-Ausserrhoden die Sprache Englisch vorziehe: «Das ist ein Schlag ins Gesicht der Romandie.»

Zum Schluss stimmte das Kantonsparlament der Motion zu. Diese verlangt, dass Französisch erst ab der Oberstufe unterrichtet werden soll.

Schülerin
Legende: Auch in den Kantonen St. Gallen, Thurgau, Zürich und sogar im zweisprachigen Bern wird darüber diskutiert, ob die Praxis mit Frühfranzösisch geändert werden soll. Neu will auch der Kanton Schwyz die Verschiebung auf später prüfen, wie kürzlich bekannt wurde. Keystone / Gaetan Bally

Die Debatte in Appenzell Ausserrhoden ist nicht die einzige, die aktuell läuft. Auch in anderen Kantonen sind entsprechende Vorstösse hängig. Und dies, obwohl die Bundesverfassung den Kantonen vorschreibt, dass die Schulsysteme harmonisiert werden müssen.

Die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektorinnen und -direktoren EDK hat sich 2004 auf eine Sprachenstrategie verständigt: Eine zweite Landessprache und Englisch sollen ab Primarschulstufe unterrichtet werden.

EDK-Präsident Christophe Darbellay schreibt auf Anfrage, die Harmonisierung des Fremdsprachenunterrichts sei nicht nur Verfassungsauftrag, sondern auch eine wichtige Grundlage für den Zusammenhalt der Schweiz.

LCH: Personalmangel beim Französisch

Ja zu zwei Fremdsprachen auf Primarstufe sagt auch der Dachverband der Lehrerinnen und Lehrer Schweiz LCH, wie der Leiter Pädagogik, Beat A. Schwendimann, erklärt: Der LCH habe sich dafür eingesetzt, insbesondere mit dem Fokus auf eine Landessprache.

Dafür brauche es allerdings genügend Unterrichtsstunden pro Woche, doch es fehle an ausgebildeten Lehrpersonen auf Primarschulstufe, räumt Schwendimann ein. Der Grund: «An gewissen Pädagogischen Hochschulen (PH) kann Französisch als Fach abgewählt werden, etwa zugunsten von Englisch.» Das wiederum führe dazu, dass immer wieder auch Lehrpersonen Französisch ohne Diplom unterrichteten, so der LCH-Experte.

Wenn die Qualität des Sprachunterrichts durch zu wenig ausgebildete Lehrpersonen leidet, werden die Rufe nach Abschaffung von Französisch auf Primarschulstufe wohl noch lauter.

Wie reagiert die Westschweiz auf die Pläne?

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Begeistert ist man von der Nachricht aus dem Ausserrhoder Parlament in der Romandie nicht, aber einen Aufschrei hat der Entscheid aus dem kleinen Halbkanton auch nicht ausgelöst, wie Westschweiz-Korrespondent Roman Fillinger berichtet. Die Westschweiz habe sich ein Stück weit daran gewöhnt, dass viele Deutschschweizer Kantone in der Primarschule zuerst Englisch einführen. Trotzdem nehme die Romandie die Ostschweizer Skepsis gegenüber dem Frühfranzösisch mit einem gewissen Unverständnis zur Kenntnis.

Interessanterweise ist laut Fillinger in der Romandie das Frühdeutsch nicht ähnlich umstritten wie das Frühfranzösisch in der Deutschschweiz. Alle frankophonen Kantone beginnen bereits in der dritten Primarklasse mit dem Deutschunterricht und erst in der fünften Klasse mit Englisch. «Ich habe den Eindruck, Deutsch ist in der Romandie sogar eher auf dem Vormarsch», so Fillinger. Davon zeuge etwa ein ehrgeiziges Immersionsprojekt im Kanton Neuenburg, wo knapp ein Fünftel der Primarschülerinnen und -schüler auch Mathematik und Geschichte auf Deutsch lernen. Im Kanton Waadt werde sogar diskutiert, Schweizerdeutsch in der Primarschule zu unterrichten.

Insgesamt gebe es kaum Romands, die in Gesprächen auf Deutsch wechseln würden, stellt Fillinger fest: «Doch gerade von jüngeren Leuten höre ich immer wieder, dass sie Deutsch zwar nicht besonders mögen, aber dass es für ihre berufliche Zukunft wichtig sei.» Sie seien sich also bewusst, dass sie mit Französisch innerhalb der Schweiz in der Minderheit sind und im Berufsleben irgendwann Deutschsprachigen begegnen. Deutschkenntnisse seien in der Westschweiz zudem ein gutes Argument bei Stellenbewerbungen.

Rendez-vous, 4.4.2025, 12:30 Uhr; sten

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