Kein Schauspieler unter 30 ist derzeit so gefragt wie Timothée Chalamet. Er hat den sogenannten «Noodle Boy Look» zu einem Schönheitsideal gemacht: Schlaksige Statur, verwuschelte Haarpracht und androgyne Note liegen dank des modebewussten New Yorkers voll im Trend.
Hollywood glaubt im jungen Charismatiker gar seinen neuen Messias erkannt zu haben. Zumindest betraut die Traumfabrik den auf Social Media Verehrten immer öfter mit Rollen, in denen er als vermeintlicher Heilsbringer glänzt. In der gefeierten «Dune»-Filmreihe zieht er als sagenumwobener Fremdling ein ganzes Wüstenvolk in seinen Bann.
Mehr als fünf Jahre Vorbereitung
Bevor Denis Villeneuve die Science-Fiction-Trilogie beendet, darf Chalamet nun in «A Complete Unknown» eine nicht minder vergötterte Lichtgestalt mit Schattenseiten spielen: Musikgott Bob Dylan.
Fünfeinhalb Jahre habe er sich auf die «Rolle seines Lebens» vorbereitet, beteuerte Chalamet unlängst in Berlin, wo er im Rahmen der 75. Filmfestspiele charmant Werbung in eigener Sache betrieb. In der Tat existieren Videos, die Chalamets Engagement belegen. Sogar auf dem «Dune»-Set griff er immer wieder zur Gitarre, um Dylans Songs einzustudieren.
Elektrisierender 60er-Groove
Der grosse Einsatz hat sich gelohnt: Der 29-Jährige kommt dem aufstrebenden Dylan in «A Complete Unknown» so nah, wie man dem Unnahbaren kommen kann.
Nicht nur schauspielerisch trifft Chalamet den richtigen Ton, auch musikalisch lässt er aufhorchen. Seine Performance auf dem Set war so stark, dass der Gesang «live to camera» aufgenommen wurde, was viel zur Authentizität beiträgt.
Dass sich Dylan-Apologeten an den künstlerischen Freiheiten stören, die sich James Mangolds biografisches Drama nimmt, war abzusehen. Doch selbst Besserwisser können «A Complete Unknown» einiges abgewinnen: Denn den Geist der 1960er-Jahre mit Dylans kometenhaftem Aufstieg zum Leitstern einer Generation fängt der Film geradezu meisterlich ein.
Fantastic Folk
Besonders bildhaft und mit überraschenden Bezügen zu «Herr der Ringe» fasst Nebendarsteller Edward Norton die Handlung zusammen: «Ich spiele Pete Seeger, der war so etwas wie der Gandalf der Folk-Musik. Und dann taucht plötzlich Bob Dylan auf, den man mit Frodo vergleichen könnte. Er besitzt den Ring der Macht und hat als Einziger die Kraft, diesen zu zerstören.»
Fakt ist: Auch Wuschelkopf Dylan verliess als Jüngling seine Heimat und wurde in der Ferne zum Helden – ohne danach gestrebt zu haben. Ähnlich wie Frodo stiess Dylan all jene von sich, die ihn instrumentalisieren wollten. Was in der Folk-Community, die ihn ungefragt zum Anführer ernannt hatte, nicht gut ankam. «Judas!» war das berühmte Schimpfwort, mit dem man Dylan versah, nachdem sich dieser für eine Elektrogitarre entschieden hatte.
Acht Oscars in Aussicht
Dylans Verunglimpfung wurde von Manchester nach Newport transferiert, um dramaturgisch mehr Wirkung zu erzielen. Trotz solcher Zuspitzungen erreicht James Mangold mit «A Complete Unknown» nie den emotionalen Drive seiner besten Filme.
Im Vergleich zum Johnny-Cash-Biopic «Walk the Line» wirkt Mangolds jüngste Regiearbeit beispielsweise seltsam matt. Einen Kinobesuch ist «A Complete Unknown» aber allemal wert – allein schon wegen der preiswürdigen Schauspielleistungen von Timothée Chalamet, Edward Norton und Monica Barbaro.
Kinostart: 27.2.2025