Noemi ist 17-jährig, schüchtern und unsicher. Berührungen und Küsse findet sie eklig, in ihrer Familie ist Sex tabu und Abtreibungen gelten als teuflisch. Aber: Noemis Freundinnen haben ihre ersten Freunde, und diesen Adi findet Noemi ganz süss – und schon ist sie schwanger. Ihr Leben, das behauptet jedenfalls ihr Umfeld, sei zu Ende.
Freiheiten beim Erzählen
Auch wenn die heute 32-jährige Schweizer Comicautorin Wanda Dufner in ihrem Graphic-Novel-Debüt von ihren eigenen Erfahrungen ausgeht, ist «Bauchlandung» – ganz bewusst – nicht strikt autobiografisch.
Eine gewisse Fiktionalisierung ermöglichte ihr mehr Freiheiten beim Erzählen, erklärt Wanda Dufner im Gespräch.
«Mit einer fiktiven Figur war ich weniger gebunden an bestimmte Umgebungen, Personen oder Gespräche. Ausserdem konnte ich zusätzliche Aspekte aufgreifen, die für die Geschichte wichtig und spannend sind.» Die Distanz erlaubte Dufner auch, ihre Erfahrungen zuzuspitzen und sie bisweilen grotesk zu überzeichnen.
Beim Lesen schwankt man zwischen Fassungslosigkeit und Lachen: Man ist empört über das Verhalten von Noemis Umfeld – gleichzeitig erzählt Dufner ihre Geschichte mit unwiderstehlichem Galgenhumor und viel Selbstironie. So sei sie halt, auch in schlimmen Momenten sehe sie Humor, erklärt sie lachend. «Mit dem Humor kann ich aber auch Brücken schlagen zu Menschen, die sich vielleicht nicht für das Thema interessieren.»
Überfordertes Umfeld
Der Humor verharmlost den Horror von Noemis Schwangerschaft keineswegs, im Gegenteil, er macht ihn zwar erträglicher, schärft ihn aber auch. So wird Noemis Einsamkeit geradezu spürbar.
Adi will nur das eine und kümmert sich auch während der Schwangerschaft nicht um sie. Die verständnislosen Eltern kritisieren ihre Tochter, statt sie zu unterstützen. Die Freundinnen schimpfen Noemi eine Schlampe, die Lehrpersonen sind überfordert, die Therapeutinnen denken mehr an die Eltern und die Gesellschaft als an Noemi.
Verwirrende Belehrungen
Alle wissen immer alles besser als Noemi. Alle diese Stimmen von aussen, diese widersprüchlichen Perspektiven, Meinungen und Belehrungen prasseln auf sie ein und vertiefen ihre Verwirrung und Unsicherheit.
«Diese kritischen Stimmen», sagt Dufner, «nimmt Noemi natürlich in sich auf, sie verstärken ihre Selbstzweifel und ziehen sie erst recht in den Abgrund.» Das vermittelt die Autorin, indem sie Noemi phasenweise immer kleiner, verletzlicher, verlorener zeichnet.
Damit verfolgte sie zwei Ziele: Zum einen wollte sie ihre Erfahrungen verarbeiten und die Kontrolle über ihre Geschichte zurückbekommen, zum anderen wollte sie «Betroffenen, aber auch deren Eltern und Lehrpersonen eine andere Perspektive aufzeigen, damit sie mehr Verständnis für die Schwangeren haben.» Das ist ihr gelungen. «Bauchlandung» ist eine differenzierte und reflektierte Auseinandersetzung mit dem schwierigen Thema Teenager-Schwangerschaft.
Lebensfrohe Farben
Vor allem aber ist «Bauchlandung» höchst unterhaltsam und voller Witz. Auch gezeichnet ist es wunderbar, die knallig bunten Zeichnungen sind mitreissend und ausdrucksstark und wirken so lebendig und lebensfroh, dass sie immer wieder über den Bildrand drängen und schwappen. Diese Kombination aus Aufklärung, Humor und Unterhaltung macht «Bauchlandung» so einmalig und wertvoll.