Kürzlich wurde in der Wohnsiedlung Aldrin in der Walliser Stadt Siders ein grosser Drogenring zerschlagen. Rund 30 Personen wurden festgenommen – darunter auch Minderjährige. Eine halbe Tonne Cannabis und mehrere Kilos Kokain im Gesamtwert von rund vier Millionen Franken wurden sichergestellt.
Im Westschweizer Fernsehen RTS erklärt Pierre-Antoine Lengen, Chef der Walliser Kriminalpolizei, dass die Struktur des Netzwerks in der Aldrin-Siedlung derjenigen in französischen Banlieues ähnelte – mit Gewaltvorfällen und einer klaren Hierarchie: «Es gab Anführer, die Drogen lagerten und den Dealern zur Verfügung stellten, dazu Aufpasser und sogenannte Korrektoren, die bei Bedarf Gewalt anwendeten.»
Lengen betont, dass nicht die Siedlung an sich krimineller sei als andere Viertel, sondern dass sie durch die gute Anbindung an das Strassennetz einen einfachen und unauffälligen Drogenhandel ermöglichte.
Fehlende Perspektiven als Ursache
Das Team von RTS traf einen Mann, der in der Siedlung aufgewachsen ist und mehrere am Drogenring beteiligte Jugendliche kennt. Seiner Meinung nach handelte es sich nicht um eine straff organisierte Struktur: «Man kann das nicht wirklich als Netzwerk bezeichnen, sondern eher als eine Gruppe Jugendlicher, die auf die falsche Weise versuchten, mehr Geld zu verdienen.»
Er glaubt, dass die Polizei das Viertel zu Unrecht mit französischen Banlieues verglichen habe. Dies diene nur dazu, Bewohnende zu stigmatisieren.
Das eigentliche Problem sei der Mangel an Perspektiven und die soziale Not vieler Menschen in der Siedlung.
Die ganze RTS-Reportage mit deutschen Untertiteln
«Langeweile kann junge Leute auf gefährliche Ideen bringen und zu dummen Verhaltensweisen verleiten», sagt er. Er fordert deshalb mehr soziale Projekte und Unterstützung.
Ein weiterer Bewohner, Jean-Daniel, sieht einen Teufelskreis: Der mangelnde Unterhalt der Wohnblöcke im Quartier führe zu Verwahrlosung und Vandalismus.
Er beschreibt, wie Menschen Sofas und Matratzen in den Treppenhäusern abstellen – und mangels Toiletten ihre Notdurft dort verrichten.
Soziale Verwundbarkeit
Neben Sicherheitsproblemen dominiert in dem Viertel vor allem ein Gefühl des Verlassenseins. Laut einer demografischen Studie der Fachhochschule Westschweiz aus dem Jahr 2022 leben 24 Prozent der unter 20-jährigen Einwohnenden von Siders in der Aldrin-Siedlung.
Zudem ist das Viertel stark multikulturell geprägt: 63 Prozent der Bewohnenden besitzen eine Aufenthaltsbewilligung. Die Studie zeigt, dass die Kombination aus hoher Jugenddichte, kultureller Vielfalt und niedrigen Mieten ein Umfeld schafft, das soziale Verwundbarkeit begünstigt.
Reaktionen der Behörden
Im Viertel gibt es kaum öffentliche Einrichtungen, Cafés oder Begegnungsstätten, die den Zusammenhalt fördern könnten.
Angesichts der Kritik, dass das Viertel zu einem vernachlässigten Ghetto verkommen sei, räumt Pierre Berthod, Präsident der Gemeinde Siders, ein, dass die öffentliche Hand zwar eine Verantwortung trage, staatliche Hilfe aber auch ihre Grenzen habe: «Wir müssen daran arbeiten, aber können nicht rund um die Uhr überall sein.»
Er verweist auf die Bemühungen der Behörden, die Lebensqualität zu verbessern. So wurde kürzlich ein öffentlicher Platz geschaffen, der als Treffpunkt dienen soll. Allerdings sei es schwierig, weitere Infrastrukturen zu errichten, da die meisten Grundstücke in Privatbesitz seien.