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Altersarmut in Venezuela
Aus 10 vor 10 vom 03.12.2020.
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Armut in Venezuela Die verlassenen Alten

Renten ohne Wert und Lebensmittelknappheit: Im Krisenland Venezuela ist das Altwerden für viele eine Tragödie.

Drei Kinder, ein erfülltes Berufsleben: Sergio Hernández hätte nicht gedacht, dass er als Rentner einmal betteln gehen würde. Jahrzehnte arbeitete der 70-Jährige in einer Druckerei und entwarf Verpackungen für die Spielzeugindustrie. Seine monatliche Rente heute: Umgerechnet ein Dollar. Allein das bescheidene Zimmer, das er mietet, kostet 15 Dollar im Monat.

Was gibt ihm Mut zum Weiterleben? «Es ist der Überlebensinstinkt. Man muss rausgehen und etwas finden, um den Magen zu füllen», sagt Hernández. «Immerhin kann ich noch für mich sorgen und suche nicht im Müll.»

Alter Herr mit einer Maske am Kinn.
Legende: Sergio Hernández kämpft ums Überleben: Obschon er jahrzehntelang gearbeitet hat, beträgt seine Rente heute umgerechnet ein US-Dollar. SRF

Seine Kinder können ihm nicht helfen: Die zwei Söhne sind ausgewandert, haben noch nicht Fuss gefasst in Panama und Kolumbien. Die Tochter hatte vor Kurzem einen Schlaganfall, bräuchte selbst Hilfe. Also bleibt Hernández nur der Weg an die Strassenkreuzung – wenn die Quarantäne-Massnahmen es erlauben

Mindestens 700'000 ältere Menschen in Venezuela leben laut Schätzungen der NGO Convite in bitterer Armut und das nicht erst seit diesem Jahr. Doch die Situation hat sich verschlechtert, seit Verwandte im Ausland in der Pandemie selbst ums Überleben kämpfen und kein Geld mehr schicken können, sagt Luis Francisco Cabezas, Direktor der NGO.

Die Hyperinflation frisst die Renten weg

«Vor acht Jahren konnte ein Rentner mit seiner Pension 96.3 Prozent der notwendigen Lebensmittel kaufen. Heute deckt die Pension nicht einmal mehr ein Prozent des Notwendigen ab. In acht Jahren ist die Kaufkraft der Renten weggebrochen», erklärt Cabezas.

Laut einer Umfrage NGO Convite gehen drei von fünf Seniorinnen und Senioren in Venezuela regelmässig hungrig zu Bett. Sie ernähren sich schlecht, können sich auch wichtige Medikamente, etwa bei Bluthochdruck oder Diabetes, nicht leisten.

Es falle schwer, Gelder einzutreiben, um Senioren zu helfen, sagt Cabezas: «Die Älteren stehen mit Kindern und Frauen in einem Wettbewerb um die humanitäre Hilfe. Das merken wir, wenn wir ein Projekt vorstellen und Geldgeber suchen. Die meisten geben lieber Gelder für Programme für Kinder oder Frauen.»

Porträtfoto von einem älteren Herren.
Legende: Luis Francisco Cabezas, Direktor der NGO Convite, sorgt sich um die Seniorinnen und Senioren. SRF

Vor ein paar Wochen ging eine Nachricht durch die venezolanischen Medien: Ein Geschwisterpaar, 72 und 73 Jahre alt, wurde tot in der Wohnung gefunden – verhungert. «Gerade mal zehn Minuten entfernt vom Regierungspalast», regt sich Cabezas auf.

Spenden sind weggebrochen

«Besonders ältere Menschen aus der Mittelklasse haben es schwer: Viele leben allein und haben keine Netzwerke, auf die sie zurückgreifen können. Wer Hilfe sucht und Unbekannte ins Haus lässt, läuft Gefahr, ausgeraubt zu werden – die Kriminalität an älteren Menschen ist deutlich gestiegen.» Plätze in staatlichen Altenheimen sind rar und oft fehlt es am Nötigsten, sogar am Personal.

Jorge Nuñez de Cáceres ist 85 Jahre alt. Bis zur Rente war er Ökonom in der grössten venezolanischen Bank. Er hatte Glück und bekam einen Platz in einer kirchlichen Einrichtung. Seine Kinder haben Venezuela verlassen, melden sich nur selten per Telefon. «Ich bin hier, weil mein Sohn verzweifelt war. Er wusste nicht, wohin mit mir», berichtet Nuñez de Cáceres. «Was mir fehlt? Zuneigung. Liebe.»

Alter Mann in einem Rollstuhl sitzt an einem Esstisch.
Legende: Der 85-jährige Jorge Nuñez de Cáceres hatte Glück: Er hat einen Platz in einer kirchlichen Einrichtung. SRF

Täglich gebe es neue Anfragen, berichtet die Direktorin der Einrichtung, Schwester Eva del Carmen Pacheco. Doch in der Pandemie wird niemand neu aufgenommen – aus Angst vor einer Ansteckung mit Covid-19.

«Viele Familien wissen nicht, wovon sie die Grosseltern ernähren sollen. Sie haben kein Geld, bringen sie nicht mehr zum Arzt, weil sie nicht wissen, wovon sie dann die Medizin bezahlen sollen», erklärt del Carmen Pacheco.

Das Porträtfoto einer Nonne.
Legende: Schwester Eva del Carmen Pacheco weiss um das Problem. Aber aus Angst vor Covid-19-Infektionen werden keine neuen Patienten in ihrer kirchlichen Einrichtung mehr aufgenommen. SRF

In der Pandemie sind dem Heim die Spenden weggebrochen. Es reiche kaum noch, um Heimbewohnerinnen und Heimbewohnern die letzte Ehre zu erweisen: «Zum Glück gibt das Beerdigungsinstitut uns einen Rabatt und Priorität. Denn in der Hyperinflation kostet ein Sarg nachmittags schon mehr als morgens.»

Venezolaner in Lateinamerika
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Zurückgelassene Alte

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Mehr als fünf Millionen Venezolanerinnen und Venezolaner haben das Land in den letzten fünf Jahren verlassen. Viele Ältere sind allein zurückgeblieben und auf Hilfe angewiesen. Doch in der Pandemie sind die Hilfen aus dem Ausland um 55 Prozent zurückgegangen: 2019 kamen 3'500 Millionen US-Dollar ins Land, für 2020 wird von 1500 Millionen US-Dollar ausgegangen.

Die NGO Convite zählt folgende Lebensumstände von Senioren und Seniorinnen auf:

  • 3 von 5 Menschen über 60 gehen regelmässig hungrig zu Bett
  • 23 Prozent der Seniorinnen und Senioren leben allein
  • 95 Prozent haben nicht ausreichend zu essen
  • 185 ältere Menschen starben in diesem Jahr eines «nicht natürlichen Todes» (fast die Hälfte bei Überfällen, 14 begingen Selbstmord)

Allerdings: Die Zahl der venezolanischen Migrantinnen und Migranten in Kolumbien (mehr als 1.7 Millionen), hat sich in der Pandemie zwischen März und August um 5.8 Prozent verringert. Der Grund: In der Pandemie und während der Quarantäne-Massnahmen war es insbesondere für informell Beschäftigte schwer, Arbeit zu finden. Deshalb entscheiden sich immer mehr Menschen, trotz der Krise nach Venezuela zurückzukehren.

«Es ist beschämend, abhängig zu sein»

Sergio Hernández, der Rentner von der Strassenkreuzung, kommt an diesem Tag mit Reis und Bohnen nach Hause. Dort bewahrt er sein wertvollstes Gut auf: Sein Handy, das er nicht mit auf die Strasse nimmt, aus Sorge vor einem Überfall. Was soll aus ihm werden, im hohen Alter? Wenn ihm das Laufen schwerer fällt?

«Daran will ich nicht denken. Wenn ich nicht mehr für mich sorgen kann, ich weiss nicht, vielleicht gehe ich dann, mache das selbst. Denn es ist beschämend, von anderen abhängig zu sein, wenn man gar nichts mehr machen kann.»

Hoffnung, dass es besser wird, hat Sergio nicht mehr. Im Krisenland Venezuela ist das Altern in Würde längst ein Privileg.

«Die Mittelklasse gibt es nicht mehr, nur Nicht-Arme»

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Soziologieprofessor Trino Márquez zeichnet ein düsteres Bild von einer verarmten Gesellschaft in Venezuela. Im Interview sagt er, dass kaum jemand noch von seinem Gehalt leben kann. Márquez lehrt an der Universidad Central de Venezuela (UCV) und ist akademischer Direktor des liberalen Thinktanks «Zentrum für die Verbreitung wirtschaftlicher Kenntnisse für die Freiheit» (Cedice).

SRF: Laut Umfragen leben mehr als 90 Prozent der Venezolaner unterhalb der Armutsgrenze. Gibt es also keine Mittelklasse mehr?

Trino Márquez: Jene, die einmal Mittelklasse waren, haben längst alles verloren, was sie ausmachte: Sie können nicht mehr sparen. Sie können keine Güter mehr kaufen, das Auto nicht einmal mehr in Schuss halten. Sie können keine Ferien machen, nicht ins Restaurant gehen. Sie überleben gerade so, haben kein Geld für eine Krankenversicherung oder eine gute Ausbildung für die Kinder. Deshalb spreche ich nicht mehr von Mittelklasse, sondern von einer Gesellschaftsschicht der Nicht-Armen.

Selbst wer eine gute Anstellung hat, hat kaum genug zum Leben?

Fast niemand kann mehr von seinem Gehalt leben. Weder ein Universitätsprofessor noch ein Arzt im öffentlichen Spital, noch eine Krankenschwester, noch ein Journalist. Alle müssen dazu verdienen.

In der Pandemie hat sich die Situation zugespitzt?

Die Pandemie hat diese Entwicklung verstärkt, aber sie hat sie nicht ausgelöst. Auch ohne Pandemie würden wir heute über ähnliche Entwicklungen sprechen. Aber natürlich, sie wurden beschleunigt – durch geschlossene Restaurants, Hotels oder auch andere Branchen wurden schwer getroffen. Die Regierung nutzt die Pandemie, um ihre völlig falsche Politik zu rechtfertigen. Covid-19 und die Sanktionen gegen Venezuela – beide sind willkommene Sündenböcke für eine desaströse Situation.

In Umfragen geben 80 Prozent der Venezolaner an, Probleme mit der Trinkwasserversorgung zu haben, 82 Prozent beklagen regelmässige Stromausfälle. Erschreckend ist es, sich die Zahlen zum Holzverbrauch anzuschauen als Brennmaterial: Venezuela produziert Erdöl und Gas. Doch in diesem Jahr ist der Anteil der Bevölkerung, die mit Holz kochen, von 4 auf 14 Prozent gestiegen, weil die Gasversorgung lückenhaft ist.

Welche Lösungen finden jene, die von ihrem Gehalt nicht mehr leben können?

Eine gute Frage. Was tun, wenn es keine Arbeit mehr gibt oder wenn Arbeit so schlecht bezahlt wird, dass man davon nicht leben kann? Um nicht kriminell zu werden oder betteln zu gehen, machen sich viele Menschen bei sich zu Hause selbstständig.

Viele Stadtviertel oder auch ganze Apartmenthäuser haben sich in Märkte verwandelt: Jeder verkauft etwas, bietet eine Dienstleistung an. Eine näht Mundschutze, der nächste verkauft Mehl, Brot und Kaffee, jemand macht Torten, ein anderer verkauft Gemüse, jemand anders repariert elektrische Geräte. Venezuela befindet sich seit vier Jahren in einer Hyperinflation, mit der höchsten Rate weltweit.

Erwarten die Menschen überhaupt noch etwas von der Politik?

Die Regierung hat nur noch eine Zustimmung von 13 oder 14 Prozent. Aber auch die anderen Parteien sind diskreditiert. In diesem Moment gibt es keine Führungspersönlichkeit, der die Menschen zutrauen, Venezuela aus der Krise zu holen.

Aber, ich bin davon überzeugt, dass es genügen würde, wenn eine Gruppe von Hoffnungsträgern zusammenkäme. Eine demokratische Gesellschaft braucht nicht eine einzelne charismatische Figur. Sie braucht Strukturen und glaubwürdige Programme, damit ein Konflikt wie der in Venezuela friedlich zu lösen ist.

Das Gespräch führten Karen Naundorf und Herminia Fernández.

10vor10, 03.12.2020, 21:50 Uhr

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