Am 23. März wurden in Rafah im Süden des Gazastreifens fünfzehn palästinensische Sanitäter getötet, darunter acht vom Palästinensischen Roten Halbmond, der zum IKRK gehört. Erst nach einer Woche fand man sie in einem Massengrab. SRF-Auslandredaktorin Susanne Brunner, die regelmässig aus Nahost und Israel berichtet, über die Hintergründe.
SRF News: In der Nacht vom 23. März, um etwa 3 Uhr Lokalzeit, flog Israel Luftangriffe auf Ziele in Rafah. Gegen wen richteten sich diese Angriffe?
Susanne Brunner: Laut der israelischen Armee (IDF) richtete sich der Angriff gegen eine Kommandozentrale der palästinensischen Terrororganisation Hamas.
Eine Ambulanz des Roten Halbmondes rückte aus, um Verletzte und Tote zu bergen. Sie kam unter Beschuss der IDF. Ebenso erging es in den nächsten Stunden weiteren Rettungsfahrzeugen, welche nach Beschuss der ersten Ambulanz folgten. Warum?
Laut der israelischen Armee näherten sich die Ambulanzen «auf verdächtige Weise» ohne Licht oder Notfallsignale. Deshalb hätten die Soldaten geschossen. Die Rettungsorganisationen dagegen sagen, die Fahrzeuge seien wie immer klar gekennzeichnet gewesen. Das bestätigt der einzige Überlebende der Angriffe, der von den Israelis vorübergehend verhaftet und dann wieder freigelassen wurde.
Israel wirft der Hamas immer wieder vor, sie missbrauche Ambulanzen für Angriffe. Kann Israel das im konkreten Fall belegen?
Nein. Laut Israels Armee töteten ihre Soldaten unter anderem einen Hamas-Kämpfer namens Mohammed Amin Shobaki. Aber keiner der Getöteten hatte diesen Namen.
Die Getöteten wurden in einem Massengrab gefunden – zusammen mit ihren zerstörten Fahrzeugen.
Erst nach sieben Tagen liess Israels Armee die Organisationen zur Stelle, wo die Getöteten begraben waren. Warum so spät?
Israels Armee hat das nicht begründet. Die Getöteten wurden in einem Massengrab gefunden, das mit Sand zugeschüttet war, zusammen mit ihren zerstörten Fahrzeugen.
Wurden die Leichen untersucht?
Laut der britischen Zeitung «The Guardian» hat ein Forensiker im Nasser Spital in Chan Yunis fünf Leichen untersucht. Mehrfache Schusswunden am Kopf und in der Herzgegend deuteten auf eine gezielte Exekution hin. Die Aussagen zweier Augenzeugen, wonach die Opfer zuvor gefesselt worden waren, habe der Forensiker wegen der starken Verwesung der Leichen nicht bestätigen können.
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Verschiedene Hilfsorganisationen sprechen von einem Kriegsverbrechen. Wird dieser Vorfall lückenlos aufgeklärt?
Das verlangen die Hilfsorganisationen. Frühere Vorfälle dieser Art zeigen jedoch: Eine vollständige Aufklärung gibt es selten, und die Schuldigen werden kaum je belangt. Im Gazastreifen wurden laut der Organisation Médecins Sans Frontières seit Beginn des Krieges im Oktober 2023 mehr als 1000 Sanitäter und Medizinerinnen getötet.