Tausende Palästinenser demonstrieren im Gazastreifen den zweiten Tag in Folge und fordern ein Ende des Krieges. Die Proteste richten sich auch gegen die Hamas – die Demonstrierenden skandieren Parolen wie «Hamas raus». Proteste im Gazastreifen gelten als selten, denn die Hamas ist dafür bekannt, hart gegen Gegner vorzugehen. Auslandredaktorin Susanne Brunner schätzt die Lage ein.
Was ist über die Proteste in Gaza bekannt?
Nach wie vor lässt Israel keine ausländischen Journalistinnen und Journalisten in den Gazastreifen, ausser einige wenige, in Begleitung der israelischen Armee. Es ist deshalb schwierig zu sagen, was genau passiert. Aber: Seit Dienstag kursieren im Gazastreifen Bilder von solchen Protesten auf den sozialen Medien, einige palästinensische Reporterinnen und Reporter berichten auch aus Ansammlungen von Menschen, welche mit weissen Fahnen ein Ende des Krieges mit Israel verlangen, und welche auch Anti-Hamas-Parolen skandieren. Hinter diesen Protesten steht ein Aufruf von den Anführern von Familienclans im Gazastreifen. Diese werfen der Hamas vor, mit dem Leben der palästinensischen Bevölkerung zu spielen.
Warum gehen die Menschen ausgerechnet jetzt auf die Strasse?
Weil sie einfach nicht mehr können. Nach fast 16 Monaten Dauerbombardierung und Kämpfen kam es zu einer zweimonatigen Waffenruhe. Die Menschen kehrten von überfüllten, hastig gebauten Flüchtlingslagern in ihre zerstörten Städte und Dörfer zurück, in der Hoffnung, sie könnten jetzt wiederaufbauen, und der Krieg sei vorbei. Es kam jedoch zu Problemen bei den Verhandlungen um die Fortsetzung der Waffenruhe. Seit dem 2. März hat Israel sämtliche Lieferungen von Hilfsgütern in den Gazastreifen gestoppt, und am 18. März begann Israel erneut, den Gazastreifen zu bombardieren. Mit der Begründung: Die Hamas blockiere die Verhandlungen. Die Bevölkerung wurde vollkommen unvorbereitet getroffen. Die Menschen haben genug – und vor allem: Sie sehen auch keine Zukunft mehr. Ein Teil will nur noch raus aus dieser Hölle – selbst wenn sie ihre Heimat nicht verlassen wollen. Zunehmend sehen die Menschen, dass die Hamas keinen Plan hat für ein Ende dieser Misere, und vor allem die Hamas-Führer, die nicht im Gazastreifen leben, sich um das Leiden der Bevölkerung im Gazastreifen foutieren.
Normalerweise schlägt die Hamas solche Proteste nieder – warum jetzt nicht?
Die Hamas versteckt sich vor den israelischen Angriffen. Würden ihre Leute die Proteste niederknüppeln, müssten diese aus ihren Verstecken kommen, und damit wäre es für Israels Streitkräfte einfacher, sie zu töten. Die Hamas hat die Proteste allerdings aufs Schärfste verurteilt.
Sind die Proteste ein Wendepunkt in diesem Krieg?
Ja und nein. Ja, weil die Proteste zeigen, dass die Bevölkerung nicht noch mehr Leiden erträgt, und ein Teil die Angst vor Repression verloren zu haben scheint. Nein, weil, selbst wenn die Hamas durch die Proteste geschwächt würde, niemand der palästinensischen Bevölkerung eine Zukunftsperspektive gibt: US-Präsident Trump schlägt vor, die zwei Millionen Menschen im Gazastreifen in andere Länder umzusiedeln. Israels Regierung redet von militärischer Kontrolle über den Gazastreifen, in dem die Bevölkerung nur noch in einem Teil des Landes leben darf. Im Westjordanland annektiert Israel immer mehr Land, auch dort sind Zehntausende aus ihren Wohnorten vertrieben worden. Das heisst: die Hamas oder andere Terrorgruppierungen werden weiterhin Zulauf haben. Die Proteste gegen die Hamas werden den Krieg kaum beenden.