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Masern auf Madagaskar: Armut und Unterentwicklung lassen Virus wüten
Aus SRF 4 News aktuell vom 26.04.2019.
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Hunderte Tote auf Madagaskar Masern grassieren auf der entlegenen Tropeninsel

Das Virus wütet auch in Madagaskar – mit voller Härte. Ein Problem unter vielen im mausarmen Land, sagt ein Experte.

Hierzulande ist Madagaskar berühmt für die einzigartige Flora und Fauna, die die isolierte Insel im Südosten Afrikas hervorgebracht hat. Von der weltweit grassierenden Masern-Epidemie bleibt die Tropeninsel aber trotz ihrer Abgeschiedenheit nicht verschont. Im Gegenteil: Im Land, das zu den dreissig ärmsten der Welt gehört, entfaltet die Epidemie verheerende Wirkung. Seit Herbst sind über 1100 Menschen gestorben.

Madagaskar
Legende: Madagaskar ist (k)eine Insel: Weltweit – so auch der Schweiz – schlägt das Masernvirus derzeit zu wie lange nicht mehr. Besonders hart hat es die entlegene Insel im indischen Ozean getroffen. SRF

Die Behörden sind mit dem Ausbruch überfordert. «Die Epidemie breitet sich leider immer weiter aus», erklärte der WHO-Epidemiologe Dossou Vincent Sodjinou vor rund zwei Wochen. Die Epidemie fordere auch deshalb so viele Opfer, weil etwa die Hälfte aller Kinder mangelernährt sei und daher ein bereits geschwächtes Immunsystem habe.

Armut als perfekte Brutstätte

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Weltweit sind vor allem ärmere Länder von Masern betroffen. Im zentralafrikanischen Kongo etwa haben die Behörden seit Jahresanfang bereits rund 41'000 Erkrankungen und 760 Masern-Tote gezählt, auf den Philippinen erlagen der Krankheit 355 Menschen. Bei den Opfern handelt es sich überwiegend um Kinder im Alter von bis zu fünf Jahren.

Das Virus hatte in Madagaskar leichtes Spiel, weil jahrelang nur gut die Hälfte aller Kinder geimpft wurden. Das lag nicht an Impfgegnern, sondern daran, dass dem Staat die Mittel für Aufklärungs- und Impfkampagnen fehlen. Die WHO will in dem Land mit 26 Millionen Einwohnern nun rund 7.2 Millionen Kinder impfen lassen.

Einer von zahllosen Krisenherden

Hat die Regierung des Landes die Gefahr unterschätzt, ja sogar versagt? Constantin Grund findet es allzu leicht, aus westlicher Warte den Stab über Politik und Behörden in dem strukturschwachen Land zu brechen.

Madagassen mit Kindern, die sich impfen lassen
Legende: Mit rund 120’000 Erkrankungen seit September ist der Ausbruch in dem Inselstaat einer der derzeit grössten weltweit. Die gute Nachricht: Die Impfkampagne von WHO und Unicef zeigt Wirkung. Keystone

«Der Gesundheitssektor ist einer von vielen Krisenherden im Land. Die Regierung muss schauen, welche Prioritäten sie setzt», sagt der Leiter des Büros der deutschen Friedrich-Ebert-Stiftung in der Hauptstadt Antananarivo. Dort wütete letztes Jahr die Schwarze Pest, die in West- und Mitteleuropa Erinnerungen ans tiefste Mittelalter weckt.

Die aktuelle Epidemie scheint unter Kontrolle, die nächste wird aber kommen.
Autor: Constantin Grund Friedrich-Ebert-Stiftung

Die Kombination aus Armut, Unterentwicklung und schlechter Versorgungslage schaffe nun auch «optimale Bedingungen» für die Masernepidemie, berichtet Grund. Die Behörden haben mit der Schliessung von Schulen und Kindergärten reagiert.

Immerhin: Die Bemühungen der internationalen Gemeinschaft scheinen inzwischen zu fruchten. «Die Impfkampagne hat speziell in den urbanen Zentren sehr gute Ergebnisse gebracht.» Dort seien in die Infektionszahlen in den letzten Wochen spürbar zurückgegangen. In entlegeneren Teilen der riesigen Insel sei der Zugang zu den Kranken aber noch immer erschwert.

Mann mit masernerkranktem Kind
Legende: Das Virus bedroht vor allem die Kleinsten. Die 26 Millionen Madagassen seien ein krisenerprobtes Volk, sagt Grund: «Sie versuchen, ihren gewohnten Rhythmus beizubehalten und ihrer Arbeit nach zu gehen.» Reuters

Bei all dem Leid, das die Masern-Epidemie über das Land bringt, ist sie für Grund aber nur Ausdruck grundlegender Schwierigkeiten: «Ehrlich betrachtet: Masern sind wie die Pest ein Problem. Aber die Faktoren, die solche Epidemien begünstigen, sind so schwerwiegend für die Regierung, dass es ein langes und intensives Engagement der internationalen Gemeinschaft braucht, um so etwas dauerhaft in den Griff zu bekommen.»

WHO alarmiert über «Impfmüdigkeit»

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Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schlägt Alarm: Die Zahl der von Januar bis März gemeldeten Masernfälle lag weltweit viermal so hoch wie Vorjahreszeitraum. 170 Länder meldeten rund 112’000 Erkrankungen, verglichen mit 28’000 im Jahr 2018.

Die tatsächliche Zahl liege noch deutlich höher, warnte die WHO. Sie geht davon aus, dass nur jeder zehnte Fall gemeldet wird. Zu den Gründen für die Zunahme der Krankheitsfälle in entwickelten Ländern gehört eine zunehmende Impfmüdigkeit, verbunden mit der Angst vor angeblichen Nebenwirkungen.

Eine akute Krise zu managen sei das eine. Um das Grundübel auszumerzen, müssten aber die sozioökonomischen Bedingungen auf dem armutsgeplagten Inselstaat nachhaltig verbessert werden. So schliesst Grund mit einem ernüchternden Fazit: «Die aktuelle Epidemie scheint unter Kontrolle, die nächste wird aber kommen.»

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