Russland beschiesst Odessa. Gleichzeitig häufen sich die Meldungen, wonach das ukrainische Militär im Süden des Landes aktiv ist: So möchte Kiew die Stadt Cherson zurückerobern, die zu Beginn des Krieges durch Russland eingenommen wurde. Auslandredaktor David Nauer ist derzeit in Kiew – und hat mit einem Berater von Präsident Selenski gesprochen. Für ihn ist Angriff die beste Verteidigung.
SRF News: Inwiefern ist Cherson bereits im Visier der ukrainischen Truppen?
David Nauer: Man hat den Eindruck, dass die Ukrainer versuchen, die Rückeroberung, also die Befreiung von Cherson vorzubereiten. Sie beschiessen gezielt wichtige russische Ziele, etwa Kommandoposten und Munitionslager, aber auch Brücken und Strassen. Dabei helfen ihnen die neuen westlichen Waffen, insbesondere amerikanische Raketenwerfer. Diese feuern sehr weit und sehr genau. Die Strategie der Ukrainer ist offenbar, die Russen im Süden des Landes derart zu schwächen, dass Kiews Truppen eine Grossoffensive zur Rückeroberung starten können.
Wie haben Sie den Präsidentenberater wahrgenommen?
Er hat Optimismus verbreitet und strahlte Siegessicherheit aus. Das ist Teil seines Jobs, wenn er mit einem ausländischen Journalisten spricht. Interessant fand ich aber, dass er sagte, das Kriegsziel der Ukraine sei die Befreiung aller von Russland besetzten Gebiete. Darunter auch die Halbinsel Krim, die Russland annektiert hat.
Die Ukrainer haben schon einmal einem faulen Frieden zugestimmt, als Russland 2014 die Krim und Teile der Ostukraine besetzte. Wie wir heute wissen, war das dem Kreml nicht genug.
Die Ukrainer sind mit den neuen westlichen Waffen tatsächlich aus der Defensive gekommen. Vor allem im Süden des Landes, aber zum Teil auch im Osten. Um aber den letzten russischen Soldaten von ukrainischem Territorium zu vertreiben, bräuchte Kiew noch deutlich mehr westliche Waffen. Das gab auch Selenskis Berater zu.
Unter welchen Bedingungen wäre die Ukraine bereit, mit Russland zu verhandeln?
Der Berater antwortete, dass die Ukrainer derzeit nicht mit den Russen über einen Waffenstillstand oder Frieden verhandeln wollen. Er argumentierte so: Wenn wir jetzt mit den Russen verhandeln, halten sie grosse Teile unsere Landes besetzt – und werden von dort aus in einem Jahr oder zwei Jahren wieder angreifen. Deswegen soll Russland erst militärisch besiegt werden.
Diese Argumentation ist aus Sicht Kiews verständlich. Die Ukrainer haben schon einmal einem faulen Frieden zugestimmt, als Russland 2014 die Krim und Teile der Ostukraine besetzte. Wie wir heute wissen, war das dem Kreml nicht genug: Putin will die ganze Ukraine unterwerfen.
Wie erleben Sie Kiew als Stadt? Man liest immer wieder, man spüre dort den Krieg kaum.
Das erlebe ich auch so. Die Stadt ist etwas leerer als sonst. Aber sie wirkt deutlich lebendiger als vor zwei Monaten, als ich das letzte Mal hier war.
Die Leute fahren zur Arbeit, gehen einkaufen oder abends auf ein Bier in eine Bar. Es gibt sogar Pläne, nach den Sommerferien die Schulen zum Teil wieder zu öffnen. Konkret sollen diejenigen Schulen, die einen Bombenkeller haben, wieder zum Präsenzunterricht übergehen.
Man muss sich also keine Illusionen machen: Auch Kiew kann jederzeit beschossen werden?
Ja, es gibt auch regelmässig Luftalarm. Erst am Dienstag gab es wieder einen und ukrainische Medien meldeten, dass eine Rakete Richtung Kiew fliegen würde. Ich sass gerade in einem Restaurant und habe mich umgeschaut. Aber meine Begleiter haben das Ganze nicht besonders beunruhigend gefunden und erst einmal eine Pizza bestellt. Die Leute hier sind eher fatalistisch. Die Gefahr besteht aber weiter – und es kann jederzeit zu schwerem Beschuss von Kiew kommen.
Das Gespräch führte Roger Brändlin.