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Nationaler Notstand ausgerufen Heftige Regenfälle stürzen Bolivien in eine Krise

Bolivien kämpft gerade mit den heftigsten Regenfällen seit Jahrzehnten: Über 50 Menschen sind seit November 2024 ums Leben gekommen. Über 350'000 Familien sind immer noch akut betroffen und rund 100’000 Menschen wurden obdachlos. Die Regierung hat letzte Woche den nationalen Notstand ausgerufen. Die Lage vor Ort schätzt Südamerika-Korrespondentin Teresa Delgado ein.

Teresa Delgado

Südamerika-Korrespondentin

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Teresa Delgado hat an der Universität Freiburg und in den USA Geschichte, Englisch und Spanisch studiert. Seit 2016 ist sie Redaktorin und Produzentin bei Radio SRF. 2021 und 2022 berichtete sie als Auslandredaktorin aus Spanien, Portugal und den USA. Seit 2023 ist sie Südamerika-Korrespondentin mit Sitz in Santiago de Chile.

Wie aussergewöhnlich ist die Situation derzeit in Bolivien?

Von März bis November dauert üblicherweise die Regenzeit in Bolivien – dabei kommt es immer wieder zu Überschwemmungen. Dieses Jahr sind die Regenfälle aber aussergewöhnlich ernst. Das hat damit zu tun, dass das Land wegen des Klimawandels in der Trockenzeit immer stärkere Dürren erlebt, und der Boden dermassen ausgetrocknet und hart ist, dass die Erde das Wasser in so kurzer Zeit gar nicht aufnehmen kann. Das führt zu Schlammlawinen und Erdrutschen. Die Rettungskräfte kommen kaum noch nach, deshalb hat Präsident Luis Arce inzwischen auch einen nationalen Notstand ausgerufen.

Was heisst das für die Bevölkerung?

Bolivien ist nach Surinam das zweitärmste Land Südamerikas. Den Menschen fehlt es schon jetzt am Nötigsten. Die Notlage verschärft das noch: Es fehlt Geld für Lebensmittel, für Medikamente. Die Preise sind in den letzten Monaten gestiegen, weil es an Benzin fehlt. Bolivien hat eigentlich grosse Öl-Vorkommen, aber keine eigenen Öl-Raffinerien, um das Roh-Öl zu Benzin zu verarbeiten. Als Öl-reiches Land muss Bolivien nun ziemlich teuer Benzin importieren. Die Regierung hat das bisher stark subventioniert, damit das Benzin für die Bevölkerung überhaupt bezahlbar bleibt. In den letzten Monaten fehlte der Regierung dafür aber das Geld – somit wurde weniger Benzin importiert und das heisst: Es fahren weniger Lastwagen und es kommen somit seit Wochen weniger Lebensmittel in den Supermärkten an.

Wie genau hilft die Regierung den Betroffenen?

Der Ausnahmezustand ermöglicht es der Regierung, Hilfsgüter zu kaufen und den Einsatz von Ressourcen zu erleichtern. Die rund zwölf Millionen Menschen im Land bekommen jetzt schneller Hilfe vor Ort. Es sind bereits tausende Soldaten im ganzen Land im Einsatz, um Hilfsgüter zu verteilen. Das bolivianische Parlament wird voraussichtlich demnächst ein Darlehen der Entwicklungsbank Lateinamerikas und der Karibik (CAF) in Höhe von 75 Millionen US-Dollar genehmigen. Die Regierung hatte die Bank um dieses Geld gebeten, um die Kosten der Naturkatastrophe bewältigen zu können. Da geht es um Hilfsgüter, aber auch um die Kosten für den Wiederaufbau weggeschwemmter Brücken und Gebäude.

Lokale Zeitungen berichten, es gäbe Kritik und Proteste an den Hilfsmassnahmen der Regierung. Was ist da dran?

Die Proteste gibt es aus verschiedenen Gründen: Zum einen, weil die Regierung überfordert ist, und zum anderen, weil die Hilfsgüter nicht überall gleich schnell ankommen. Bolivien ist flächenmässig ein grosses Land, sehr gebirgig und auch bewaldet durch den Amazonas im Norden und Osten Boliviens. Das ist schwieriges Terrain, viele bolivianische Städte liegen in grosser Höhe. Zudem ist Bolivien ein Vielvölkerstaat mit offiziell 36 Landessprachen. Das verkompliziert im Krisenfall die Kommunikation und viele indigene Gemeinschaften leben weitab vom Schuss. Auch wegen der Wirtschaftslage wird protestiert: Bolivien ist ein hochverschuldetes Land. Dieser zusätzliche Kredit von 75 Millionen US-Dollar sind weitere Schulden. Der treibt das jetzt schon hoch verschuldete Land weiter in eine Wirtschaftskrise hinein.

Einfluss auf bevorstehende Präsidentschaftswahlen in Bolivien

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Die derzeitige Situation in Bolivien werde auch einen Einfluss auf die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen im August 2025 haben, sagt Teresa Delgado. «Die Notlage und die Kritik an der Regierung von Luis Arce setzen den Präsidenten enorm unter Druck.» Arce liefere sich seit Monaten einen offenen Streit mit Ex-Präsident Evo Morales. Die beiden seien Gegner aus den gleichen Reihen der MAS-Partei – des Movimiento al Socialismo, sagt Delgado. «Morales hat nun seine eigene Partei gegründet, mit der er noch einmal antreten will.» Das dürfe er aufgrund einer Amtszeitbeschränkung eigentlich gar nicht. «Aber Morales scheint das nicht zu kümmern, er heizt die Kritik an Arce fleissig an», so Delgado.

Letztes Jahr habe es auch einen Putschversuch eines Militär-Generals gegen Arce gegeben. «Der scheiterte zwar, aber in der Krisenlage muss sich Arce auf das Militär stützen. Da sind jetzt Soldaten im ganzen Land mobilisiert, und das während einer äusserst fragilen und hochangespannten politischen Lage.»

SRF 4 News, 03.04.2025, 6:23 Uhr ; 

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