Ein dramatisch geschnittenes Video über die vergangenen Strassenproteste zeigt Demonstranten, die «Freiheit, Freiheit» rufen. Dann wird die Rede eingespielt, die Nawalny vor Gericht gehalten hat. Und schliesslich erscheint Iwan Zhdanow. Der 32-jährige Jurist aus Moskau ist einer der wichtigsten Nawalny-Gefolgsleute.
«Ihr fragt Euch jetzt sicher: wie weiter?», sagt er. «Das Wichtigste: seid nicht niedergeschlagen. Denn das wünscht sich der Kreml am allermeisten: dass wir denken, wir hätten verloren.»
Der Kampf soll weitergehen
Nawalnys Leute versuchen klarzumachen, dass der Kampf weitergehen soll. Und das, obwohl der Staat mit nie dagewesenem Druck gegen die Opposition vorgeht. Inzwischen ist fast die ganze Führungsriege des Nawalny-Teams in Haft.
Dennoch sagt Leonid Wolkow, es sei alles unter Kontrolle. Man wisse genau, was tun. Der IT-Spezialist ist die inoffizielle Nummer Zwei des Nawalny-Teams. Und er ist noch in Freiheit – weil er schon vor längerem ausser Landes geflohen ist. «Unser Plan ist es, den Druck auf Putin zu erhöhen, um die Freilassung Nawalnys zu erreichen», sagt Wolkow.
Sand im Getriebe des Kremls
Geplant sind unter anderem neue, kreative Strassenproteste. Zudem schauen Wolkow und seine Mitstreiter vor allem auf die Parlamentswahlen vom Herbst. Bei diesen soll das Prinzip des «Klugen Wählens» zur Anwendung kommen.
Die Idee dahinter: Weil die Opposition nicht antreten darf, sollen kritische Bürger systematisch Kandidaten aus «Pseudo-Oppositionsparteien» wählen.
Dazu gehören etwa Kommunisten. Es sind Leute, die zwar kremltreu sind, aber nicht so kremltreu wie Vertreter der Putin-Partei Einiges Russland. Auf diese Art soll Sand ins Getriebe von Putins politischer Maschine gestreut werden.
Kommunisten als Lückenbüsser
«‹Das Kluge Wählen› ist unsere wichtigste Aufgabe für die nächsten Monate», betont Wolkow. Man werde zu diesem Zweck den ganzen Sommer über Wahlbeobachter rekrutieren und Wähler motivieren.
Die Strategie ist nicht unumstritten. Kritiker sagen, Kommunisten seien nicht unbedingt besser als Kreml-Leute. Das sei wie den Teufel zu wählen, um den Beelzebub auszutreiben. Für Nawalnys Leute, die derart unter Druck sind, zählen solche Zwischentöne nicht mehr. Zu verhärtet sind die Fronten.
Steter Tropfen höhlt den Stein
Dazu passt auch, dass Wolkow und seine Kollegen im Ausland Unterstützung gegen den Kreml suchen. So soll der Westen dazu gebracht werden, gegen reiche Geschäftsleute aus dem Umfeld des Kremls Sanktionen zu erlassen, erklärt Wolkow.
Die Strategie gilt als «Angriff auf Putins Portemonnaie». Auch das ist riskant. Die Staatsmacht kann Nawalnys Leute jederzeit als Vaterlandsverräter brandmarken, wenn diese in Brüssel oder Berlin für antirussische Sanktionen weibeln.
Wolkow scheint sich bewusst zu sein, dass vor ihm und seinen Mitstreitern ein langer Weg liegt. Dennoch gibt er – ganz Politiker – den unerschütterlichen Optimisten: «Immer mehr Leute unterstützen uns – und immer weniger unterstützen Wladimir Putin», ist er überzeugt.
Das heisse zwar nicht, dass Putin morgen den Kreml verlässt und Nawalny das Gefängnis. «Aber es wird irgendwann passieren.»