Zum Inhalt springen

Russische Wirtschaft Ökonom: «Europa hat sehr wenig Druckmittel gegen Russland»

US-Präsident Donald Trump will den Krieg in der Ukraine möglichst schnell beenden. Um Russland zu ernsthaften Friedensverhandlungen zu bewegen, droht er, den wirtschaftlichen Druck auf Russland zu erhöhen. Auch die europäischen Staaten haben angekündigt, weitere Sanktionen zu erlassen, damit am Verhandlungstisch auch die europäischen Interessen ernst genommen werden. Doch der Krieg dauert mittlerweile über drei Jahre und die westlichen Sanktionen haben Russland bisher nicht dazu bewegt, den Krieg zu beenden. Der Ökonom Vasily Astrov erklärt, warum weitere Sanktionen ebenfalls nichts bringen werden.

Vasily Astrov

Ökonom und Russland-Experte

Personen-Box aufklappen Personen-Box zuklappen

Vasily Astrov arbeitet seit 19 Jahren als Ökonom am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW). Der gebürtige Russe ist spezialisiert auf Russland und Osteuropa sowie auf Makroökonomie. Bis 2019 war er am WIIW für die Ukraine zuständig.

SRF News: Die westlichen Sanktionen haben ihre Wirkung bisher verfehlt. Warum ist das so?

Vasily Astrov: Der Hauptgrund ist aus meiner Sicht, dass sich der globale Süden den westlichen Sanktionen nicht angeschlossen hat. Das sind etwa China und Indien, aber auch die Türkei. Sie haben die Sanktionen nicht mitgetragen und wurden sogar zu wichtigen Drehscheiben für die Reexporte sanktionierter Güter nach Russland. Gleichzeitig wurden China und Indien auch die wichtigsten Abnehmerländer für russisches Öl.

Manche Sanktionen werden ihre Wirkung erst langfristig entfalten.

In gewissen Sektoren spürt man die Sanktionen, zum Beispiel bei der Flüssiggasproduktion oder in der Luftfahrtbranche. Aber wenn man sich die Wirtschaft als Ganzes anschaut, dann ist die Auswirkung eher beschränkt. Zudem sind die Gasexporte bei weitem nicht so wichtig wie die Ölimporte.

Wirken die Sanktionen vielleicht doch langfristig?

Manche Sanktionen werden ihre Wirkung erst langfristig entfalten. Da ist zum Beispiel der beschränkte Zugang zu Schlüsseltechnologien. Das merkt man nicht von heute auf morgen, das braucht Zeit. Der wirtschaftliche Druck auf den Kreml ist aber nicht gross genug.

Das sind die EU-Sanktionen gegen Russland

Box aufklappen Box zuklappen

Die Europäische Union hat seit dem russischen Angriff auf die Ukraine 16 Sanktionspakete verhängt. Die Sanktionen im Handelsbereich umfassen:

  • Verbote von europäischen Exporten nach Russland im Wert von 48 Milliarden Euro (z. B. Luxusgüter, Güter der Seeschiffsfracht, spezifische Technologien für Erdölraffinerien, Luft- und Raumfahrtindustrie)
  • Verbote von Importen aus Russland in die EU im Wert von 91.2 Milliarden Euro (z. B. verschiedene Rohstoffe wie Rohöl, Flüssiggas und Kohle, Diamanten)

Es gibt auch Sanktionen in anderen Bereichen:

  • Swift-Verbot für russische Banken
  • Verbote von EU-Dienstleistungen für Russland (z. B. IT-Beratung, Softwares, Wirtschaftsprüfung, Rechtsberatung)
  • Verbote im Luftverkehr (z. B. Zugang für russische Luftfahrtunternehmen zum EU-Luftraum und zu EU-Flughäfen)
  • Verbote im Strassenverkehr (z. B. Gütertransporte durch die EU)
  • Verbote im Seeverkehr (z. B. Zugang für russische Handelsflotten zu EU-Häfen)

Könnte Europa mit weiteren Sanktionen mehr erreichen?

Europa hat aus meiner Sicht sehr wenig Druckmittel. Und jetzt, da die USA den bisherigen Sanktionskurs mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr mittragen werden, wird der Spielraum der europäischen Politik noch geringer. Natürlich kann Europa den Sanktionskurs aufrechterhalten, aber die Wirksamkeit wird aus meiner Sicht noch geringer, als es bisher der Fall war.

Die wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen Russland und den USA sind vernachlässigbar klein.

Und wenn der US-Präsident den wirtschaftlichen Druck auf Russland erhöhen würde?

Die wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen Russland und den USA sind vernachlässigbar klein. Die USA machen circa ein Prozent oder weniger der gesamten russischen Exporte aus. Mit seinem beliebten wirtschaftspolitischen Instrument – den Zöllen – kann Trump also nur sehr wenig machen.

Person in schwarzer Jacke betrachtet Produkte im Supermarktregal.
Legende: Die Russinnen und Russen zahlen einen Preis für den Krieg: Viele Grundnahrungsmittel sind schwindelerregend teuer. Der Rubel schwächelt und die Inflation liegt aktuell bei zehn Prozent. IMAGO/TASS

Die russischen Exporte in die USA bestehen hauptsächlich aus kritischen Rohstoffen, zum Beispiel Uran. Aber weil das kritische Rohstoffe für die eigene Wirtschaft sind, können die USA diese nicht sanktionieren. Etwa ein Viertel des gesamten Urans, der in den US-amerikanischen Atomkraftwerken verwendet wird, kommt aus Russland. Was aus Sicht der USA am ehesten möglich wäre, sind Sekundärsanktionen – ihre bisherige Strategie. Das heisst: Druck auf Drittländer ausüben, damit diese dann weniger Geschäfte mit Russland machen.

Wie erfolgreich war diese Strategie bisher?

Dort ist die Wirksamkeit ebenso eher begrenzt. Im Endeffekt hat Russland auch da Wege gefunden, diese Sekundärsanktionen zu umgehen, obwohl das mit zusätzlichen Kosten verbunden ist. Nach wie vor gelangt ein Grossteil der sanktionierten Güter über Umwege nach Russland. Das macht die Güter aber teurer und trägt dazu bei, dass die Inflation in Russland so hoch ist.

Das Gespräch führte David Nauer.

Diskutieren Sie mit:

Möchten Sie diesen ergänzenden Inhalt laden?

Hinter diesem Platzhalter verbirgt sich ein externer Inhalt (z.B. ein Social Media Post oder ein Video), den unsere Redaktion empfiehlt.Mehr

Dieser Platzhalter erscheint, weil Sie die Verwendung von «Social Media und externen Drittsystemen» in Ihren Datenschutz-Einstellungen deaktiviert haben. Klicken Sie auf «Inhalt laden», um diesen Inhalt einmalig anzuzeigen. Dabei können Cookies gesetzt und Daten an externe Anbieter übertragen werden. Passen Sie Ihre Datenschutz-Einstellungen an, um solche Inhalte dauerhaft anzeigen zu können.

10vor10, 24.3.2024, 21:50 Uhr ; 

Meistgelesene Artikel