Was ist die Ausgangslage? Mit dem Vordringen auf russisches Staatsgebiet Anfang August 2024 hatte die Ukraine den Krieg erstmals auf das Terrain des Gegners getragen. In den ersten Tagen der Offensive wurden etwa 1300 Quadratkilometer erobert. Der Kreml und die russische Armee reagierten erst langsam. Erst im Laufe der Zeit schrumpfte der ukrainische Brückenkopf. Russland führt seit Monaten – zeitweilig auch unterstützt von nordkoreanischen Soldaten – erbitterte Gefechte zur Rückeroberung des Territoriums. Präsident Wolodimir Selenski hatte die Kursk-Offensive immer wieder als grossen Erfolg bezeichnet im Kampf gegen den russischen Angriffskrieg. Ein Verlust des Gebiets gilt als schwerer Rückschlag, weil die Ukraine die von ihr kontrollierten Flächen als Faustpfand bei möglichen Verhandlungen mit Russland nutzen wollte.
Was sagt Russland? Moskaus Streitkräfte haben nach eigenen Angaben die seit gut sieben Monaten von ukrainischen Truppen besetzte Kleinstadt Sudscha im Gebiet Kursk befreit. Das teilte das Verteidigungsministerium mit. Zurückerobert wurden demnach auch die Orte Melowoi und Podol. Schon seit Tagen melden die russischen Truppen Fortschritte bei der Wiedereinnahme von Gebieten. Sudscha galt als wichtigste Eroberung der Ukraine in Russland. Am Mittwochabend hatte Kremlchef Wladimir Putin bei seinem ersten Besuch im Gebiet Kursk die rasche vollständige Befreiung der Region angeordnet. Sein Auftritt in Militäruniform galt schon als Hinweis auf eine Niederlage der Ukraine dort.
Wie gelang das rasche Vorrücken? Die unerwartet schnelle Eroberung von Sudscha gelang nach Moskauer Darstellung durch eine List: Russische Soldaten krochen über Kilometer durch eine stillliegende Gaspipeline in den Rücken der Ukrainer. Andere Militärbeobachter vermuten, dass der ukrainische Rückzug aus Sudscha bereits Teil der Absprachen zu einer Waffenruhe sein könnte. Der russische Generalstabschef Waleri Gerassimow berichtete, dass bei den Gefechten 430 ukrainische Soldaten gefangengenommen worden seien. Gefangene sollten human behandelt werden, so Putin. Ausländische Söldner fielen aber nicht unter das Kriegsvölkerrecht. Weiter sagte er, dass auch ukrainische Soldaten in Kursk nach russischem Recht als Terroristen gelten.
Was sagt die Ukraine? Sie bestätigte den Verlust zunächst nicht. Im Bericht des ukrainischen Generalstabs vom Vorabend war von abgewehrten Angriffen die Rede. Im Morgenbericht wurde der Frontabschnitt Kursk nicht erwähnt. Sowohl der Oberbefehlshaber Olexander Sirski als auch Selenski hatten zuvor aber eingeräumt, dass im Zweifelsfall ein Rückzug erfolge, um das Leben der eigenen Soldaten zu wahren. Den Karten ukrainischer Militärbeobachter zufolge sind nur noch wenige Quadratkilometer in der Hand Kiewer Truppen.
Wie schätzt der SRF-Korrespondent die Lage ein? «Überraschend schnell mussten die Ukrainer sich aus dem Gebiet bei Kursk zurückziehen», so David Nauer. «Das sieht erstmal nach einer schweren militärischen Niederlage aus. Die Ukrainer wollten den Landstrich halten, um ihn später einzutauschen gegen ukrainisches Land, das die Russen besetzt halten. Diese Strategie ist gescheitert. Es gibt Gerüchte, dass der ukrainische Rückzug Teil ist der Verhandlungen, welche Ukrainer, Amerikaner und Russen gerade führen. Ob das stimmt, ist aber unklar. Vielleicht werden wir in ein paar Tagen mehr wissen.»