Nach den hohen US-Zöllen für die Schweiz ist diplomatisches Geschick gefragt. Gespräche zwischen der Schweiz und den USA sollen Trumps Rundumschlag abschwächen. Doch Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter sagt auch: «Es gab soweit keine Möglichkeit, auf höchster Ebene Kontakte zu knüpfen.» Für den Ex-Diplomaten Thomas Borer ist das unverständlich.
SRF News: Aus Ihrer Sicht als ehemaliger Diplomat – was läuft da schief?
Thomas Borer: Ich bin schockiert, dass es dem Bundesrat und der Schweizer Botschaft in Washington seit Trumps Wahl am 6. November nicht gelungen ist, belastbare Beziehungen zum engsten Kreis um Trump aufzubauen. Das ist ein grosser Fehler. Man hat sich wahrscheinlich auf ein Best-Case-Szenario eingestellt und muss jetzt feststellen, dass dieses nicht eintritt, und ist eigentlich nicht in der Lage, die Interessen der Schweiz zu vertreten. Es ist ein echtes Armutszeugnis.
Das ist ja die Herausforderung: In schwierigen Umständen trotzdem die Interessen der Schweiz vertreten zu können.
Es gab ja schon eine erste Präsidentschaft von Trump: Kann man nicht Kontakte von damals reaktivieren?
Mein Ratschlag wäre, dass man sehr schnell den früheren Botschafter der USA in der Schweiz, Edward McMullen, kontaktiert. Er hat erstens den Vorteil, dass er direkt Zugang zu Trump hat, und zweitens, dass er die Handelsbeziehungen zwischen der Schweiz und den USA bestens kennt. Er ist uns sehr gut gesonnen. Über ihn könnte man wohl sehr schnell in ein Gespräch kommen mit dem Weissen Haus oder zumindest sicherstellen, dass unsere Hohen Vertreter dort Zugang erlangen.
Sie sagen eigentlich, das ist ein diplomatisches Desaster für die Schweiz. Wer ist da in der Verantwortung?
Ich will keine Verantwortung zuweisen, aber es gehört zu den Aufgaben einer diplomatischen Vertretung, zum Gastland belastbare Beziehungen aufzubauen. Es wäre die Aufgabe der Botschaft in Washington gewesen, auf allen Wegen zu versuchen, zum engsten Kreis von Trump Zugang zu bekommen. Ich glaube, grundsätzlich ist Trump der Schweiz wohlgesonnen. Wir sind ein liberales, offenes Land. Und wir gehören nicht zur Europäischen Union.
Aber scheint die Trump-Administration nicht auch ein extrem schwieriger Fall zu sein für die Diplomatie?
Einverstanden, aber das ist ja die Herausforderung: In schwierigen Umständen trotzdem noch die Interessen der Schweiz vertreten zu können. Bei Sonnenschein und institutionell gut geregelten Wegen kann es jeder. Da braucht man keinen Spitzendiplomaten.
Es gibt ja eine US-Botschaft in der Schweiz. Über die funktioniert kein guter Kontakt?
Leider ist die designierte Botschafterin Gingrich noch nicht im Amt. Wir haben nur einen Geschäftsträger. Das ist ein Karrierediplomat, der wahrscheinlich genauso wenig Zugang zum engen Zirkel im Weissen Haus hat wie unsere Botschaft in Washington.
Man muss auf den Worst Case vorbereitet sein und hoffen, dass der Best Case eintritt.
Jetzt bekamen aber alle Länder nach der gleichen Formel Zölle, mit wenigen Ausnahmen. Hätte Diplomatie überhaupt etwas gebracht?
Als Botschafter oder als Hoher Vertreter der Schweiz muss ich auch in fast aussichtslosen Lagen versuchen, die besten Interessen meines Landes herauszuholen. Und vielleicht wäre man gescheitert. Es gibt gute Argumente dafür. Aber man hätte es versuchen müssen. Und man muss es jetzt noch viel mehr versuchen.
Hätten Sie einen Tipp an den Bundesrat oder an den Botschafter in den USA?
Mein Tipp als ehemaliger Botschafter und als Krisenmanager ist: Ich gehe immer vom schlechtesten Fall aus. Und wenn der nicht eintritt, umso besser. Aber man muss auf den Worst Case vorbereitet sein und hoffen, dass der Best Case eintritt.
Das Gespräch führte Sandro Della Torre.