Als Mitte vergangener Woche durch die Pipeline Nord Stream 1 wieder Gas von Russland nach Deutschland strömte, ging ein erleichtertes Aufatmen durch die Büros der Energieversorger der Schweizer Städte. Auch bei der EWL in Luzern. Es sei «positiv», dass Russland nach einem wartungsbedingten zehntägigen Unterbruch die Gaslieferungen in den Westen planmässig wieder aufgenommen habe, sagte Mediensprecherin Gabriela Hübscher. Trotzdem: «Wir bereiten uns intensiv auf das Szenario vor, dass im Winter zu wenig Gas verfügbar ist.»
Völlig zu Recht, wie sich einige Tage darauf zeigte: Bereits am Dienstag dieser Woche kündigte der russische Gaskonzer Gazprom an, die Liefermenge nochmals zu drosseln, auf noch 20 Prozent der eigentlichen Kapazität – angeblich wegen Reparaturarbeiten an Nord Stream 1.
Schweizer Städte sind auf Gas ausgerichtet
Rund 45 Prozent der Gasmenge, die die Schweiz verbraucht, wird in Russland gefördert – und dass Schweizer Städte die Gaslieferungen von dort so genau beobachten, kommt nicht von ungefähr. Sie sind nämlich besonders stark von Gas abhängig.
Im bereits erwähnten Luzern etwa werden 55 Prozent aller Wohngebäude mit Gas beheizt. In Chur sind es 51 Prozent, in Biel 60, in Solothurn gar 65 Prozent. In den grossen Städten ist der Anteil zwar etwas tiefer – in Basel etwa sind es 43, in Bern 47 und in Zürich 51 Prozent. Doch rechnet man das hoch auf die Einwohnerzahl, wird auch dort klar: Fehlt das Gas, kann es im Winter in den Wohnungen vieler Stadtbewohnerinnen und -bewohner ungemütlich kühl werden.
Soweit sei es aber noch lange nicht, das betonen sämtliche angefragten Energieversorger. Private Wohnungen und Häuser gehören laut Stufenplan des Bundes zu den «geschützten Verbrauchsanlagen», genau wie etwa auch Spitäler und Heime – sie würden auch dann noch beliefert, wenn «ungeschützte Verbrauchsanlagen» wie Industrie- und Bürogebäude, Sportanlagen, Schulen und Verwaltungsgebäude kein Gas mehr erhielten.
Dennoch heisst es etwa bei den Industriellen Werken Basel IWB, die über 400'000 Menschen in den Kantonen Basel-Stadt und Basel-Landschaft mit Gas versorgen: «Ganz ausschliessen, dass es schlimmstenfalls zu solch einem Szenario kommt, kann derzeit niemand. Die Versorgungssituation für den kommenden Winter ist von vielen Unsicherheiten bestimmt.»
Der Schweiz fehlen grosse Gasspeicher
Diese Unsicherheiten haben ihren Ursprung darin, dass die Schweiz nicht über eigene grössere Gasspeicher verfügt. Die Energieversorger können lediglich die Gasmenge, die sie im Winter voraussichtlich benötigen, bei den Lieferanten vertraglich absichern – oder bereits geliefertes Gas in Speicheranlagen in den Nachbarländern zwischenlagern.
Das tun sie zwar bereits: Die Aare Energie etwa – zuständig unter anderem für die Gasversorgung der Stadt Olten – teilt auf Anfrage mit, der Bedarf für den kommenden Winter sei «praktisch gedeckt». Die Zürcher Energie 360° hat bereits «dafür gesorgt, dass die für den Winter relevanten Mengen eingekauft sind, um damit auch die im Ausland gemieteten Speicher zu füllen», wie sie schreibt. Die Stadtwerke St. Gallen wiederum sind bei den Füllständen ihrer Speicher auf Kurs, ebenso die Luzerner EWL.
Deren Sprecherin Gabriela Hübscher spricht aber das Hauptproblem an: «Bei einem gesamteuropäischen Lieferengpass besteht trotzdem das Risiko, dass dann nur ein Teil geliefert wird.» Sprich: Ob das gekaufte Gas dann auch wirklich in die Schweiz fliesst, ist alles andere als sicher.
Unternehmen sollen für Wechsel auf Öl bereit sein
In den Städten sind darum Bemühungen angelaufen, um den Gasverbrauch im Notfall senken zu können, bevor die Menschen in ihren Wohnungen allzu viel davon mitbekommen. Im Fokus sind hier Gewerbe und Industrie, das Stichwort lautet: Zweitstoffkunden. Unternehmen, die für ihre Arbeitsprozesse von Gas auf Öl umstellen können – womit Gas für andere Verwendungszwecke verfügbar würde.
Die Industriellen Werke Basel haben diese Firmen in ihrem Versorgungsgebiet aufgerufen, ihre Ölvorräte zu überprüfen und aufzufüllen, falls nötig. Auch in Solothurn hat Gasversorger Regio Energie eine Informationskampagne lanciert. In Chur hat die Energieversorgerin IBC die Zweitstoffanlagen bereits auf ihre Funktionstüchtigkeit überprüft. Der Füllstand der Zweitstoffkunden mit Öl betrage im Schnitt derzeit 60 Prozent, so IBC.
Weniger heiss duschen, Waschmaschine anders einstellen
Den Gasverbrauch senken können aber auch Privatpersonen, und zwar bereits jetzt, wo Heizen noch gar kein Thema ist. «Das Gas, das wir heute sparen, steht uns dann im Winter zur Verfügung», sagt Gabriela Hübscher, Sprecherin des Luzerner Energieversorgers EWL. In Häusern, in denen das Wasser mit Gas erhitzt werde, lohne es sich, nur kurz und weniger heiss zu duschen oder die Waschmaschine bei nicht stark verschmutzter Wäsche auf 30 statt auf 40 Grad einzustellen.
Das Gas, das wir heute sparen, steht uns dann im Winter zur Verfügung.
Wenn es wieder kühler wird, zahlt sich zudem der Griff zu den Thermostaten an den Heizkörpern aus. Wer die Wohnung um ein Grad weniger heize, senke den Energieverbrauch gleich um 6 Prozent, heisst es bei den Industriellen Werken Basel. Sie empfehlen daher, die Heizungen «konsequent beim Verlassen der Wohnung herunterzudrehen», zudem könnten etwa bessere Fensterdichtungen die Wärmeeffizienz steigern.
Auf ihren Webseiten oder in direkten Schreiben an ihre Kundinnen und Kunden liefern die Energieversorger solche und ähnliche Tipps, um Gas zu sparen. Aber: «Der kurzfristige Handlungsspielraum für lokale Gasversorger ist sehr klein», wie es bei IBC in Chur heisst. Tatsächlich ist es schliesslich der Bund, der bei einer Gas-Mangellage sagt, wo's lang geht – von Sparappellen über die Umschaltung von Zweitstoffanlagen bis hin zu Einschränkungen oder gar Kontingentierungen.
Die Städte können einzig die Umstellung weg von fossilen Energieträgern forcieren, um längerfristig weniger auf Erdgas angewiesen zu sein. Die Bemühungen zum Klimaschutz haben hier schon einiges ausgelöst, von der Nutzung der Seewärme in Luzern bis zur geplanten Biogasanlage in Chur. Nur: Bis Wintereinbruch werden all diese Projekte das Erdgas nicht ersetzen.