Etwas verlottert wirkt der hohe Holzbogen – das Eingangstor zum Zelt- und Wagendorf Zaffaraya, einer alternativen Wohnbausiedlung im Nordwesten Berns. Rund 20 Menschen leben noch immer hinter dem Tor, mitten auf dem Autobahnkreuz.
Eine Bewohnerin ist Kat. Rote Jacke, Sonnenbrille, kurze Haare, in den Händen eine selbstgedrehte Zigarette. Kat will in diesem Artikel weder mit vollem Namen noch mit Foto in Erscheinung treten. Seit bald 35 Jahren ist das Zaffaraya ihr Zuhause. «Das Leben hier hat sich mittlerweile individualisiert und etwas Luxus ist dazugekommen.»
Jugend kämpft für Freiräume
Dabei fing alles als Protest an. Rückblick: Mitte der 80er-Jahren wird Bern von Jugendunruhen erfasst. Die Jugendlichen fordern Freiräume ein. Ein Symbol – neben der Reithalle, der Dampfzentrale und dem Gaskessel – ist das «Freie Land Zaffaraya» auf dem Gaswerkareal im Marzili.
Aus dem Zeltdorf wird immer mehr ein Hüttendorf. Nach zwei Jahren verliert die Stadtregierung die Geduld. Am 17. November 1987 räumt die Polizei auf Geheiss der Behörden das Areal. Es kommt zu Gewalt. Und es gibt Verletzte, auf beiden Seiten.
Die Räumung sorgt für Aufsehen und bewegt die Stadt. Die Sympathie ist grösstenteils auf Seiten der jungen Erwachsenen. Es folgen grosse Demonstrationen und dann Verhandlungen mit den Behörden.
Ein Provisorium, das hält
Das Ergebnis: Die Zaffaraya-Gemeinschaft bekommt einen neuen Platz zugewiesen. Dieses «Provisorium» hält sich mittlerweile seit Jahrzehnten: das neue Zaffaraya auf dem Autobahnkreuz im Berner Neufeld.
Kat hat die Räumung damals als Gast miterlebt. 1990 entscheidet sie, ins Zaffaraya zu ziehen. «Ich musste aus meiner Altbauwohnung raus und ich habe mich für alternative Wohnformen interessiert», erzählt sie. Zwischenräume nutzen, selbst bauen, das habe ihr gefallen, so die Hochbauzeichnerin.
Seither sind ein Camion und ein Anhänger – in der Mitte zusammengeschweisst – ihre «Hütte». «Am Anfang hatten wir hier nur das Nötigste. Mittlerweile ist sogar ein bisschen Luxus dazugekommen.» Dank Strom und fliessendem Wasser hat Kat nun eine eigene Küche und eine frei stehende Badewanne.
Andere Bewohner hätten gar ein eigenes WC, so Kat. Und man habe vor Jahren auch Parzellen definiert und zugeteilt. Was also ist vom Gemeinschaftsgeist geblieben? «Wir haben zum Beispiel noch ein Badehüsli, wo man waschen und duschen kann. Und unter einem Baldachin diskutieren wir Themen, die beschäftigen.»
Wir sind totale Bürger. Wir bezahlen Steuern und haben normale Jobs.
Aber ja, sagt Kat, das Leben im Zaffaraya habe sich ein Stück weit normalisiert: «Wir bezahlen Steuern. Wir haben schon lange normale Jobs – wie Lehrer, Handwerker oder Musiker. Wir sind also totale Bürger.» Es gehe einfach darum, gerne so zu leben. «Und klar geht es auch ein bisschen um Kohle. Mit den hohen Mieten in der Stadt ist man ja nur noch Arbeitssklave.»
Aber es gehe auch um Freiheit und Freiräume, betont Kat. «Ich kann an meiner Hütte bauen, wie ich will.» Ein Hauch Protest weht also noch durch die Siedlung hinter dem Holztor mitten auf dem Autobahnkreuz.