Darum wollen Städte eine neue Software: Einfachere Zahlungsabwicklung, besserer Datenschutz, papierlose Prozesse: Citysoftnet sollte eigentlich neue Standards im Schweizer Sozialwesen setzen. In Bern begannen die Probleme bereits bei der Einführung der Software im Juni 2023. Zürich hat derweil die im Sommer 2024 geplante Lancierung von Citysoftnet auf Januar 2025 verschoben. Es gebe noch Optimierungsbedarf, man sei nun aber auf gutem Weg, wie das Sozialdepartement gegenüber SRF erklärt.
Das funktioniert in Bern nicht: Die neue, über 20 Millionen Franken teure Software Citysoftnet bereitet den beiden grössten Ämtern der Stadt Bern massive Probleme, sie funktioniert nicht richtig. Laut Tamedia hat deshalb ein Drittel der Mitarbeitenden des Sozialdienstes und der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) gekündigt, hinzu kommen Burnouts und Krankmeldungen. Die Folgen der IT-Probleme sind für die Schwächsten der Gesellschaft besonders gravierend: Ämter konnten beispielsweise Rechnungen oder Mieten nicht bezahlen, Klienten erhielten Kündigungsdrohungen.
Das führte zum Debakel: Ein am Dienstag veröffentlichter externer Untersuchungsbericht der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PWC kritisiert das Vorgehen der Stadt Bern bei der Einführung von Citysoftnet. Hier die wichtigsten Punkte:
- Zuwenig IT-Knowhow in der Verwaltung: PWC stellte bei der Untersuchung fehlende «interne Kompetenzen» sowie eine ungenügende Ressourcenplanung fest: «Auch bei der Auswahl der Mitarbeitenden war primär die zeitliche Verfügbarkeit und nicht die erforderliche Kompetenz ausschlaggebend.» Zudem hätten die Mitarbeitenden komplexe Aufgaben ohne Vorkenntnisse bewältigen müssen, was unrealistisch sei.
- Unzureichende Personalschulung: Die Mitarbeitenden wurden zwar auf das neue Citysoftware-System geschult. Einige kündigten jedoch noch vor dem «Go-live» der Software. Dies war umso gravierender, als sie das Wissen an ihre Kolleginnen hätten weitergeben sollen. Das Go-live musste laut Bericht von Mitarbeitenden durchgeführt werden, die zuvor monatelang nicht mit der Software arbeiten konnten.
Das sagen die Parteien: Die GLP schiesst in einer Mitteilung gegen die Stadt Bern: «Der Bericht liest sich fast wie ein Ratgeber, wie Digitalisierungsprojekte auf keinen Fall durchgeführt werden sollten», so Stadträtin Corina Liebi. FDP-Kollege Nick Eugster: Das «Handbuch des Scheiterns» zeige auf, dass so ziemlich alles falsch gemacht worden sei.
So reagiert die Stadt Bern: Die Stadtregierung hat angekündigt, dass für künftige IT-Projekte das Fachwissen in den Ämtern verstärkt werden solle. Dies mit «Business-Analyse-Kompetenzen». Ebenso sollen Führungskräfte von Digitalprojekten besser geschult werden.
Das sagt der Experte: Sei es die IT-Software «Nevo/Rialto» bei der Berner Kantonspolizei, Abraxas beim Kanton Zürich, Insieme beim Bund oder jetzt eben Citysoftnet: Die Liste der verkorksten IT-Projekte in der öffentlichen Hand ist lang. Weshalb ist sie mit IT-Projekten überfordert? SRF-Digitalexperte Guido Berger: «Solche grossen IT-Projekte werden sehr schnell sehr komplex, es lauern sehr viele Fallstricke, die Projekte zum Scheitern bringen.» Das sei aber nicht nur ein Problem der öffentlichen Hand. Auch in der Privatwirtschaft würden unzählige IT-Projekte in den Sand gesetzt, nur erfahre die Öffentlichkeit nichts davon.