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Kaum Vertrauen in Meldestellen Hohe Dunkelziffer bei Fällen von antimuslimischem Rassismus

Fälle von antimuslimischem Rassismus werden selten gemeldet. Muslimische Dachorganisationen wollen das ändern.

Beleidigungen und tätliche Angriffe in der Öffentlichkeit sind die sichtbarsten Vorfälle von antimuslimischem Rassismus. Doch meistens sind die Vorfälle perfider.

Muslime erhalten aufgrund ihres Namens oder wegen eines Kopftuches eine Arbeitsstelle oder eine Wohnung nicht. Schülern wird zu verstehen gegeben, dass sie sowieso nichts erreichen werden im Leben.

Wenig Vertrauen oder Unwissenheit

Ein Drittel der ungefähr 450'000 in der Schweiz lebenden Muslimen gibt an, bereits Opfer von Rassismus aufgrund des eigenen Glaubens geworden zu sein.

Wir beobachten seit Jahren, dass die feindseligen Einstellungen gegenüber Musliminnen und Muslimen im Vergleich zu anderen Minderheiten relativ hoch sind in der Schweiz.
Autor: Marianne Helfer Leiterin Fachstelle für Rassismusbekämpfung

Doch bis jetzt wenden sich im Schnitt pro Jahr nur 60 Betroffene von antimuslimischem Rassismus bei den offiziellen Rassismusmeldestellen. Eine Studie im Auftrag des Bundes zeigt nun den Grund: Das Vertrauen in diese Meldestellen fehlt.

In Auftrag gegeben hat die Studie die Fachstelle für Rassismusbekämpfung des Bundes. Dazu sagt die Leiterin der Fachstelle Marianne Helfer: «Wir beobachten seit Jahren, dass die feindseligen Einstellungen gegenüber Musliminnen und Muslimen im Vergleich zu anderen Minderheiten relativ hoch sind in der Schweiz.»

Zudem werde festgestellt, dass die Dunkelziffer bei den gemeldeten Fällen sehr hoch sei. Es würden eben nur sehr wenige Fälle gemeldet, so Helfer weiter. «Dem wollten wir auf den Grund gehen.»

Zwei Personen beten mit Gebetsketten auf einem bunten Teppich.
Legende: Musliminnen und Muslime werden in der Schweiz oft benachteiligt. Rund ein Drittel der Schweizer Bevölkerung hat gemäss Studie Vorbehalte ihnen gegenüber. Keystone/PETER SCHNEIDER

Eine Antwort darauf hat Hansjörg Schmid, Co-Autor der Studie und Professor für interreligiöse Ethik an der Uni Fribourg: «Oftmals kennen die betroffenen Personen die Beratungs- und Anlaufstellen nicht oder sie haben kein Vertrauen. Sie sagen, es passiert eh nichts, das nützt nichts, wenn ich das mache.»

Neue Meldestelle von und für Muslime

Das versuchen Omair Kedidi und der Verein der islamischen Organisationen Zürich (VIOZ) zu ändern. Seit diesem Jahr betreiben sie eine Meldestelle für antimuslimischen Rassismus, finanziert durch Gelder des Kantons Zürich.

Einerseits dient die Meldestelle dazu, Fälle besser zu dokumentieren. Anderseits will Kedidi aber auch vor allem für die Betroffenen da sein.

«Die Menschen sind dankbar, dass sie irgendwo diese Last, die sie mit sich tragen, loswerden können. Dass sie sich jemandem anvertrauen können und auch aktiv werden. In diesen Momenten der Diskriminierung wird man als Objekt behandelt. Mit der Meldung kann man endlich auch etwas dagegen tun.»

Betroffene würden sich, so Omair Kedidi, eher bei ihnen melden. «Wenn eine Person aufgrund eines Merkmals diskriminiert wird, wendet sie sich eher an Leute, die das Merkmal mit ihr teilen.» Das gegenseitige Verständnis und Vertrauen sei grösser als bei allgemeinen Rassismusmeldestellen

Wir hören immer wieder, dass sich Personen an uns wenden, weil sie hier mehr Vertrauen haben, dass diese Fälle aufgenommen und verstanden werden.
Autor: Jonathan Kreutner Generalsekretär Schweizerischer Israelitischer Gemeindebund SIG

Langjährige Erfahrung mit dem Melden von spezifischen Rassismusfällen – konkret mit Antisemitismus – hat der Schweizerische Israelitische Gemeindebund SIG. Er betreibt seit Jahrzehnten die Beratungs- und Meldestelle und gibt jährlich den Antisemitismusbericht heraus.

Generalsekretär Jonathan Kreutner bestätigt: «Wir hören immer wieder, dass sich Personen an uns wenden, weil sie eben hier mehr Vertrauen haben, dass diese Fälle aufgenommen und verstanden werden.»

Eine verständisvolle Umgebung will auch Omair Kedidi von der VIOZ schaffen. Auch die VIOZ will nun als Projekt aus der Community für die Community vermehrt für die Betroffenen da sein und antimuslimischen Rassismus sichtbar machen, um so besser dagegen vorgehen zu können.

Rendez-vous, 27.2.2025, 12.30 Uhr

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