Die Schülerinnen und Schüler strömen aufgeregt ins Handarbeitszimmer der Oberstufe West. Zum ersten Mal dürfen sie die Kleider des Haut-Couture-Unternehmens Akris anprobieren. Es sind beige Shorts und Röcke, dazu bedruckte Hemden und T-Shirts. Ein Bub reibt den Stoff des Hemdes zwischen den Fingern. «Ganz komisch», meint er. «Fast so dünn wie Papier.»
Richtiges Outfit für den Umzug
Die Kleider sind für das St. Galler Kinderfest – ein städtischer Volksanlass, der alle drei Jahre im Frühsommer stattfindet. Schulkinder ziehen in festlichen Gewändern in einem Umzug durch die Stadt zum Kinderfestplatz. Auf der grossen Wiese auf dem Rosenberg finden verschiedene Darbietungen statt.
Für das Fest arbeiten die Schulen mit verschiedenen Textilbetrieben zusammen. Einige sponsern den Stoff, andere helfen auch beim Design. Akris übernimmt für die Oberstufe West sogar die gesamte Produktion der Gewänder.
Diese Grosszügigkeit haben wir so noch nie erlebt.
«Es ist eine Ehre, etwas von Akris zu tragen», betont Miriam Laupsien, die seit 23 Jahren als Lehrerin in St. Gallen tätig ist. Dass gleich die gesamte Produktion übernommen wird, ist aussergewöhnlich. «Es ist sehr grosszügig. Das haben wir so noch nie erlebt.»
Volksfest-Kleider statt Haute-Couture
Normalerweise gehören Jugendliche nicht zur Zielgruppe von Akris. Das St. Galler Modeunternehmen ist im Bereich Haute-Couture und Prêt-à-porter zu Hause. In der aktuellen Frühlingskollektion finden sich zum Beispiel ein Seiden-Tunikakleid mit Poppy-Druck für 2790 Franken, oder ein Baumwollstretch-Strickpullover für 1090 Franken.
Beim Design für das Kinderfest gab es für Akris ganz neue Herausforderungen. In der Oberstufe gibt es kleine, schlanke Mädchen und Buben, aber auch grosse, breitschultrige, dünne und pummelige, solche mit langen und mit kurzen Beinen.
«Etwas zu kreieren, das für jede und jeden passt, war nicht einfach», betont Albert Kriemler, Creative Director bei Akris. Wichtig sei, dass die Kleider in der Gruppe gut wirken und funktional sind. «Es gibt nichts Schlimmeres, als an einem warmen Sonnentag Kleider zu tragen, in denen man sich nicht wohlfühlt.»
Verschieben, bis die Sonne scheint
Dass die Sonne am Kinderfest scheint, ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Das Fest wird nämlich jeweils so lange verschoben, bis schönes Wetter garantiert ist. Ein fixes Datum gibt es darum auch dieses Jahr nicht. Irgendwann zwischen dem 22. Mai und dem 26. Juni findet das Kinderfest statt – eben erst dann, wenn die Sonne scheint.
Bei der letzten Durchführung 2018 musste das Fest elfmal verschoben werden, bis es endlich klappte. 5500 Schüler und Schülerinnen, 500 Lehrpersonen und etwas gleich viele Musikanten feierten mit 30'000 Festbesucherinnen und Besuchern.
Nachdem das Fest 2021 wegen Corona abgesagt wurde, ist die diesjährige Ausgabe dafür eine ganz besondere: Das Kinderfest feiert nämlich das 200-Jahr-Jubiläum. Das Fest ist in der Textilstadt seit 1824 verankert. Inzwischen gehört es zu den «lebendigen Traditionen» des Bundesamtes für Kultur.
Zurück zur Anprobe im Handarbeitszimmer der Oberstufe West. Wie kommt das Design von Akris bei den Jugendlichen an? Ein Mädchen dreht sich vor dem Spiegel und begutachtet kritisch den beigefarbenen Rock und das gross geschnittene Oberteil. «Das Muster auf dem Shirt finde ich komisch», meint sie. «Aber der Rock ist ganz okay.» Ein Bub nimmt es dagegen gelassener. «Cool», ist sein Fazit nach einem kurzen Blick in den Spiegel.