Appenzell Ausserrhoden ist bis jetzt am weitesten gegangen. Dort hat der Kantonsrat vor kurzem die Abschaffung von Frühfranzösisch beschlossen. Aber auch in den Kantonen St. Gallen, Thurgau, Zürich und sogar im zweisprachigen Bern gibt es politische Vorstösse, das Frühfranzösisch aus der Primarschule zu verbannen.
«Schaut man sich nur das sprachliche Niveau von Schülerinnen und Schülern am Ende ihrer Schulzeit an, kann man sich die Frage stellen, ob sich der frühe Unterricht in einer zweiten Landessprache lohnt», sagt Raphael Berthelé, Professor für Mehrsprachigkeit an der Universität Freiburg.
Zudem sei es für das Sprachniveau nicht entscheidend, ob man in der dritten, der fünften oder sogar erst in der siebten Klasse mit dem Unterricht in der zweiten Landessprache anfange, erklärt der Sprachwissenschaftler.
Genauso gut könnte man den frühen Matheunterricht infrage stellen.
Gegner des Frühfranzösisch-Unterrichts argumentieren meist, die zweite Fremdsprache überfordere die Lernenden. Es gebe keinen Grund anzunehmen, dass Französisch überfordernder wäre als andere Fächer, entgegnet Berthelé: «Genauso gut könnte man den frühen Matheunterricht infrage stellen.»
Hingegen gibt es einen messbaren Unterschied bei der Motivation der Schülerinnen und Schüler für das Erlernen verschiedener Fremdsprachen. Englisch ist beliebter als Französisch in der Deutschschweiz und beliebter als Deutsch in der Romandie. Und erstaunlicherweise ist die Motivation direkt an der Sprachgrenze, im zweisprachigen Kanton Freiburg, kaum grösser als im einsprachigen Kanton Zürich.
Es geht auch um das Verhandeln von Macht und Status.
Aber natürlich geht es in der mehrsprachigen Schweiz bei der Frage, ab wann eine zweite Landessprache unterrichtet wird, auch um Grundsätzlicheres als das Sprachniveau. Es geht um das Verständnis für andere Schweizer Kulturen, um den nationalen Zusammenhalt.
«Diese Debatte um den Status von Sprachen ist auch eine Bühne für andere politische Kämpfe. Es geht auch um das Verhandeln von Macht und Status», sagt Berthelé.
Auch Distanz spielt eine Rolle
Und je nach Position im Staat blickt man anders auf den frühen Unterricht in einer zweiten Landessprache. In den sprachlichen Minderheitenregionen – in der Romandie, aber auch im Tessin oder in Graubünden – ist das Frühfranzösisch respektive das Frühdeutsch weitgehend unbestritten. In der Ostschweiz, wo man zur Mehrheit gehört und weit weg ist von der Sprachgrenze, ist die Politik skeptischer.
Für den Linguisten Raphael Berthelé ist wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler ein Bewusstsein für die Mehrsprachigkeit der Schweiz entwickeln. Aber die Debatte fokussiere zu stark auf die Primarschule, findet er.
Die Debatte sollte sich nicht nur um die Primarschule drehen.
Denn viele freundeten sich erst später mit der anderen Landessprache an – wenn sich beispielsweise die Deutschschweizerin in einen Romand verliebt oder die Romande eine Lehrstelle bei einem Deutschschweizer Unternehmen antritt.
«Aus diesem Grund sollte sich die Debatte nicht nur um die Primarschule drehen. Vielmehr sollten auch später immer wieder Möglichkeiten geboten werden, um diese Landessprachen zu lernen und zu vertiefen», so Berthelé. Denn für Kinder wie für Erwachsene gelte: Gut lernt, wer motiviert lernt.