Die Angestellten der Gemeinde Reinach BL sind in den letzten Monaten immer wieder Zielscheibe von Beschimpfungen und Drohungen geworden. Ob im Stadtbüro oder an den Schulen – der Frust von Bürgerinnen und Bürgern wird immer häufiger an den Mitarbeitenden der Verwaltung ausgelassen.
Wenn der Vierte in Folge uns anpöbelt, dann macht das etwas mit uns.
Nun reagiert die Birsstadt-Gemeinde mit einer Kampagne, die zu mehr Respekt und Anstand aufruft. «Wir machen unseren Job eigentlich total gerne», sagt Debora Jakob, Leiterin des Stadtbüros der Gemeinde Reinach, «aber wenn uns der Vierte in Folge anpöbelt, dann macht das etwas mit uns.»
Verwaltung reagiert auf wachsende Aggressionen
Seit Kurzem hängen deshalb im und vor dem Stadtbüro Plakate, die auf einen respektvolleren Umgang hinweisen. Auf den bunten Schildern ist in grossen Buchstaben zu lesen: «Respekt!» oder «Anstand steht Ihnen am besten». Weitere Botschaften lauten «Wir sind nicht Ihr Sündenbock» oder «Wenn Sie wütend sind, kommen Sie gerne morgen wieder».
Die Botschaften sind klar: Der Umgang miteinander soll respektvoller werden. Politische Entscheide, wie Parkplatzgebühren auf der Allmend oder kostenpflichtige Vignetten auf Bioabfall, lösten Unmut und schwierige Situationen aus, so Jakob: «Es gibt Leute, die sehr wütend zu uns ins Büro kommen und uns drohen. Oft werden Grenzen überschritten.»
Aggressives Klima auch an Schulen
Das Problem der unhöflichen und aggressiven Kommunikation betrifft nicht nur die Gemeindeverwaltung. Auch im Bereich der Schulen in Reinach berichten Verantwortliche von einem zunehmend schwieriger werdenden Klima. «Es kam in der Vergangenheit immer wieder zu sehr wortgewaltigen Auftritten», sagt Oliver Sprecher, Gesamtschulleiter der Primarstufe Reinach.
Mehrfach habe die Schule in Reinach einen stillen Alarm auslösen müssen, bei dem eine «Eingriffstruppe» zum Zug gekommen sei, weil Eltern gegenüber den Mitarbeitenden aggressiv aufgetreten seien.
Erste Erfolge der Kampagne
Die Plakat-Kampagne habe schon erste Wirkungen gezeigt. Das Plakat hänge prominent in der Schule. Seither habe sich der Umgang gebessert, sagt Sprecher: «Der Ton hat sich gemässigt. Es rüttelt die Leute auf und hält sie dazu an, kurz zu überlegen, wie sie ihre Anliegen vorbringen.»
Auch Debora Jakob vom Stadtbüro berichtet, dass die Plakate ihre Wirkung nicht verfehlen. «Ganz werden wir die Beschimpfungen wohl nicht los», sagt sie. «Aber wenn schon ein paar wenige kurz nachdenken, bevor sie ihren Frust an uns auslassen, ist das für uns schon ein Fortschritt.»
Zeitgeist als Mitursache
Jakob vermutet, dass das zunehmende aggressive Verhalten der Bevölkerung nicht nur an Reinach liegt, sondern einen gesamtgesellschaftlichen Trend widerspiegelt. «Wir bekommen hier den Zeitgeist zu spüren», ist Jakob überzeugt.
Auch in anderen Bereichen sind die Mitarbeitenden mit den Frustrationen der Kunden konfrontiert. So setzten die Spitäler in den beiden Basel in der Vergangenheit schon auf Sicherheitspersonal auf der Notfallstation.
Es geht uns darum, aufzuzeigen, dass wir uns nicht alles gefallen lassen müssen.
Die Gemeinde Reinach hofft, dass durch die Kampagne nicht nur kurzfristige Verbesserungen erzielt werden, sondern auch ein langfristiger Wandel im Umgang mit den Mitarbeitenden der Verwaltung und der Schulen stattfindet. «Es geht uns darum aufzuzeigen, dass wir uns nicht alles gefallen lassen müssen», sagt Jakob. Und diese Botschaft sei in Reinach bereits angekommen.