Mit zehn Jahren verweigert der Junge zum ersten Mal den Schulbesuch. «Wir haben ihn zusammen in die Schule gezogen, ich und die Lehrerin», erzählt seine Mutter. Das habe ihr Sohn ihr bis heute nicht verziehen.
Die Mutter aus dem Raum Zürich erzählt, ihr Sohn leide an einer Lese-Rechtschreibe-Schwäche. Dadurch sei der Druck in der Schule stetig gewachsen. Als die erste Krise kommt, gelingt es der Mutter noch, den Jungen wieder zu motivieren. Ein Jahr später verweigert er sich total. Bauchschmerzen, Ängste - nichts geht mehr. «Wenn er wusste er muss zur Schule gehen, dann konnte er nicht mehr aufstehen». Ein Alptraum für die berufstägige Mutter. Die Schule bietet von Nachteilsausgleich bis zur Einzelbeschulung viel Unterstützung an. Doch nichts hilft.
Steigende Fallzahlen
Der heute zwölfjährige Junge steht exemplarisch für viele Kinder. «Es gibt derzeit keine Region, keine Schule, die nicht betroffen ist», sagt Stephan Kälin, Fachpsychologe für Kinder- und Jugendpsychologie. Es gehe dabei nicht um «Schule schwänzen», sondern um Druck, Stress und Ängste mit ernsthaften Auswirkungen. Auf Anfrage der «Rundschau» geben mehrere Deutschschweizer Kantone an, dass sie tatsächlich eine Zunahme feststellen.
Früherkennung ist entscheidend
Stefan Kälin sagt, frühzeitige Intervention sei im Kampf gegen sogenannten «Absentismus» zentral. Er beschreibt das «3/6-Modell». Schulen müssten das Gespräch mit den Eltern suchen, sobald ein Kind drei unzusammenhängende Absenzen innert sechs Wochen aufweise. «Schulen brauchen ein enges Monitoring von Absenzen».
Von Schulangst zur Angststörung
Unbehandelte Schulangst kann sich zu einer Angststörung ausweiten, die mitunter einen Klinikaufenthalt nötig macht, sagt Kälin. «Es ist das Wesen der Angst, dass sie sich ausweitet auf andere Lebensbereiche.»
Auch Jugendliche sind betroffen. Bei Célina aus dem Kanton Bern begann es in der Oberstufe. «Der Druck der Schule war enorm. Auf einmal mussten wir nur noch liefern. Und gefühlt vom ersten Tag an sollten wir Lehrstellen suchen.»
Bei Célina kamen soziale Probleme dazu. Sie fühlte sich oft ausgeschlossen. Die Belastung habe zu Suizidgedanken geführt. Célina musste einige Tage in eine psychiatrische Klinik. Danach ging sie nicht mehr zur Schule. «Ich wusste, wenn der Tag kommt, an dem ich wieder gehen muss, dann würde ich mir das Leben nehmen.»
Teamwork gefragt
Doch was tun? Viele Kantone geben an, Arbeitsgruppen einzurichten und Merkblätter zu erarbeiten. Am linken Zürichseeufer hat sich eine Art Taskforce gebildet. Anna Bewer Silvestri, Kinderärztin aus Thalwil sagt: «Der Schlüssel im Kampf gegen Absentismus ist Teamwork». Eltern, Lehrpersonen, Schulleitungen, Psychologinnen usw. müssten an einem Strang ziehen.
Manchmal seien auch kreative Lösungen gefragt. So führt in einigen Fällen eine private Psychiatrie-Spitex zum Erfolg. Stefan Mielich von der Organisation «WeHo» begleitet Kinder zur Schule. «Ich begleite sie durch ihre Ängste», sagt er. Er habe eine Erfolgsquote von 95 Prozent.
Im Falle des zwölfjährigen Jungen aus dem Raum Zürich war das die Lösung. Der Junge besucht heute wieder die Schule. Allerdings eine Privatschule im Nachbardorf. Die Mutter bezahlt das aus der eigenen Tasche.
Die 17-jährige Céline hat das neunte Schuljahr mit Online-Unterricht beendet und danach eine Ausbildung begonnen.