Die Schweizer Musikerin Sophie Hunger hat einen Roman geschrieben – und es damit direkt auf Platz 2 der SRF-Bestenliste geschafft. Hier die im April von der Jury gekürten Lese-Highlights im Countdown.
5. Sara Gmuer: «Achtzehnter Stock» (24 Punkte)
«Achtzehnter Stock» ist der zweite Roman der in Berlin lebenden Schweizer Autorin Sara Gmuer. Er handelt von der Schauspielerin Wanda, die in einem Plattenbau lebt – im achtzehnten Stock. Der Lift ist defekt, das Treppenhaus ein Funkloch, und das Leben als Filmstar, von dem Wanda immer geträumt hat, scheint weit entfernt. Doch Wanda gibt nicht auf, geht von Casting zu Casting. Eines Tages bekommt sie dann tatsächlich die Hauptrolle in einer Netflix-Serie. Glatt läuft ihre Karriere ab dann trotzdem nicht. Ein Roman voller Drive.
Spannend, rau und schonungslos beschreibt Sara Gmuer das Wandeln ihrer Hauptfigur zwischen reicher Glitzerwelt und Berliner Platte.
4. Nora Osagiobare: «Daily Soap» (25 Punkte)
«Daily Soap» ist als Seifenoper konzipiert und nimmt das Genre gleichzeitig auf die Schippe. Es geht um Reiche und Arme, Schwarze und Weisse. Und vor allem um Rassismus in der Schweiz. Das Buch, verfasst von der 32-jährigen Zürcherin Nora Osagiobare, hat mehrere Handlungsstränge. Einer davon: Das Zürcher Familienunternehmen Banal & Bodeca ist einem Shitstorm ausgesetzt. Um den Vorwurf des Rassismus zu entkräften, möchte es eine Reality-Show mit Schwarzen Darstellern produzieren lassen.
‹Daily Soap› ist ein literarisches Feuerwerk. Dieser starke Debütroman brachte mich gleichzeitig zum Lachen und zum Nachdenken – pure Sprachkunst!
3. Samantha Harvey: «Umlaufbahnen» (26 Punkte)
Sechs Astronauten schweben in einer Raumstation durchs All. Sie umkreisen die Erde in 90 Minuten. Die zwei Frauen und vier Männer unterschiedlicher Herkunft arbeiten, essen und schlafen auf engstem Raum. Schwerkraft und Zeitempfinden sind ausser Kraft gesetzt. Wie verändern sich ihr Denken und Fühlen? Samantha Harvey hat mit «Umlaufbahnen» im vergangenen Jahr den renommierten Booker Prize gewonnen. Sie beschreibt den «All-Tag» auf der ISS – und die Schönheit der Erde, wenn man sie von oben betrachtet. Ein poetischer Appell zur Rettung unseres Planeten, ganz ohne Kitsch und Zeigefinger.
Von naturwissenschaftlichen zu philosophischen Fragen, vom ganz Persönlichen zum Universellen – ein leises, poetisches Buch, das uns die aktuelle Weltlage aus mehr Distanz betrachten lässt.
2. Sophie Hunger: «Walzer für Niemand» (28 Punkte)
Die Schweizer Sängerin Sophie Hunger ist für ihre tiefgründigen Songtexte bekannt. Jetzt hat sie einen Roman geschrieben. In «Walzer für Niemand» geht es um das Erwachsenwerden eines Mädchens, dessen Biografie der von Sophie Hunger ähnelt. Die Ich-Erzählerin ist Kind von Militärattachés. Die Familie wechselt ständig den Wohnort. Weil die Protagonistin bei Gleichaltrigen kaum Anschluss findet, zieht sie sich immer weiter zurück: einerseits in ihre Freundschaft mit einem Jungen namens «Niemand» und andererseits in die Musik.
Sophie Hungers Experiment, ihr Sprung von der Musik in die Literatur, ist vollends geglückt.
1. Jonas Lüscher: «Verzauberte Vorbestimmung» (29 Punkte)
Der Schweizer Schriftsteller Jonas Lüscher erkrankte während der Covid-Pandemie so schwer, dass er ins künstliche Koma versetzt werden musste. Über Wochen hing sein Leben ab von Schläuchen und Geräten. Über Wochen halluzinierte er. Realität und Träume vermengten sich, sein Körper und die Maschinen auch. Aus dieser Abhängigkeitserfahrung von der Technik ist Lüschers neuer Roman «Verzauberte Vorbestimmung» entstanden. Ein komplexes Buch, das die Beziehung zwischen Mensch und Maschine thematisiert. Eine Lese-Expedition voller Rätsel zu verschiedenen Realitäts-, Orts- und Zeitebenen.
Die Quadratur des Kreises: Ein Pageturner, atemlos gelesen, gefangen im intellektuellen Tornado. Sprachlich und stilistisch brillant – und Stoff für mindestens drei weitere Romane.