«Wir wollen den Erfolg des Cern in Genf wiederholen», kündigte die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, auf dem AI Action Summit in Paris im Februar an.
Um dieses Ziel zu erreichen, hat die EU Milliarden für den Bau von KI-«Gigafabriken» bereitgestellt. Hochmoderne Rechenzentren, die Europas technologische Infrastruktur stärken und die KI-Entwicklung beschleunigen sollen. Die Vision ist klar: Es soll ein «Cern für KI» entstehen.
Diese Einrichtung könnte eine ähnliche Rolle für KI spielen, wie es das Cern etwa in der Physik tut: Die globale Forschung prägen und neue Standards für maschinelles Lernen oder ethische KI-Governance setzen.
Schweiz an der KI-Spitze
Im Gegensatz zum Cern könnte die Schweiz jedoch von diesem neuen Projekt ausgeschlossen werden. «Eigentlich richtet sich diese Initiative an EU-Länder», schreibt eine Sprecherin der Europäischen Kommission und ergänzt, dass der Verweis auf das Cern symbolisch sei und keine Rolle für die Schweiz impliziere.
Dies wäre ein Schlag für den Bund, der Millionen in Initiativen zur Beschleunigung der KI-Forschung investiert und sich mit einem neuen Supercomputer, dem siebtstärksten der Welt, ausgestattet hat.
Die Schweiz verfügt zudem über einen Talentpool, der Tech-Giganten wie Google, Microsoft und Open-AI angezogen hat. «Die Schweiz gehört zusammen mit dem Vereinigten Königreich zu den führenden Ländern Europas in der KI-Forschung», sagt Andrea Rizzoli, Direktor des Dalle Molle Institute for Artificial Intelligence Studies (IDSIA) in Lugano.
Doch dies, so Rizzoli, werde nicht ausreichen, um der Schweiz einen prominenten Platz in der europäischen Initiative zu sichern: Die Beteiligung des Bundes hängt massgeblich von den Beziehungen zur EU ab.
Ausschlussgefahr für die Schweiz
Nachdem die Verhandlungen über ein Rahmenabkommen zwischen der Schweiz und der EU im Jahr 2021 gescheitert waren, wird für diesen Frühling ein neues bilaterales Abkommen erwartet.
Rizzoli sieht auch das Risiko, dass die Schweiz aus geopolitischen Gründen ausgeschlossen werden könnte. Die EU schliesst Nichtmitgliedstaaten bereits von Projekten in strategischen Bereichen wie der Cybersicherheit aus. «Das wäre das Worst-Case-Szenario».
Und obwohl der Bund KI zu seinen Regierungsprioritäten zählt, hat er noch kein Gespräch gesucht, um sich eine Rolle in einen «Cern für KI» zu sichern, das bestätigt das UVEK schriftlich.
Ist ein grenzenloses «Cern der KI» möglich?
In Brüssel sind sich EU-nahe NGOs in einem Punkt einig: Der Erfolg jeder grösseren neuen KI-Initiative wird von der Einbeziehung von Nicht-EU-Ländern abhängen. «Je grösser die Gruppe, desto erfolgreicher wird sie sein», sagt Max Reddel von der unabhängigen Denkfabrik Centre for Future Generations.
Für Reddel ist dies eine einzigartige Gelegenheit für Europa, eine ethische Entwicklung der KI voranzutreiben – ein Bereich, auf den sich die USA und China nicht konzentrieren. Um dies zu erreichen, darf sich die EU jedoch nicht isolieren.
Reddel betont, dass die Schweiz nach den Gesprächen in Brüssel weiterhin im Spiel sei: Die Standorte seien noch nicht festgelegt und die Forschung könne überall stattfinden. Die EU erkennt den Wert der Schweiz als wissenschaftliche Partnerin bereits an, wie die Zusammenarbeit im Rahmen des Programms Horizon Europe zeigt.