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Kanada im Wahlkampf «Ich habe in Kanada noch nie einen solchen Patriotismus gesehen»

Nach wenigen Tagen im Amt hat der neue kanadische Premier Mark Carney Neuwahlen ausgerufen. Seine liberale Partei könnte am 28. April das Momentum nutzen. Denn nach den Zöllen und Übernahmedrohungen von Donald Trump liegen Liberale und Konservative in den Umfragen plötzlich gleichauf, wie der freie Journalist Gerd Braune in Ottawa berichtet.

Gerd Braune

Journalist in Kanada

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Braune lebt seit rund 20 Jahren in der kanadischen Hauptstadt Ottawa. Er berichtet für mehrere Medien in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Luxemburg.

SRF News: Wie zerrüttet ist das Verhältnis zwischen Kanada und den USA?

Gerd Braune: Das Verhältnis ist sehr gestört. Alle Umfragen zeigen, dass die Mehrheit der Kanadierinnen und Kanadier nun ein negativeres Bild von den USA haben. Nichts mehr ist zu hören von «verlässlichen Partnern, besten Freunden und engsten Nachbarn». Die Abneigung ist überall spürbar.

Warum profitieren gerade die Liberalen von Donald Trumps rabiatem Auftreten?

Zwei dramatische Entwicklungen kommen den Liberalen zugute: Der Rücktritt von Premier Justin Trudeau Anfang Jahr. Er war in seinen letzten Jahren sehr unpopulär. Alles was schieflief, wurde auf ihn projiziert, sei es bei den Lebenshaltungskosten oder der verhassten Kohlendioxidsteuer. Dieses Feindbild fehlt jetzt. Mit Mark Carney hat die Partei jetzt einen Mann an der Spitze, der als kompetent angesehen wird und der moderat und staatsmännisch auftritt.

Carney und Starmer.
Legende: Kanadas Premier Mark Carney besuchte am 17. März auf seiner ersten Auslandsreise den britischen Premier Keir Starmer in London. Imago/Zuma Press/Sean Kilpatrick

Zugleich werden die Liberalen traditionell als Gegenentwurf vor allem zu Republikanern wie Trump gesehen. Das heisst Eintreten für Multilateralismus, für eine geregelte Weltordnung, das Einhalten von Verträgen, Kooperation und Sozialpolitik. Entsprechend ist die Souveränität Kanadas zum vorrangigen Wahlkampfthema geworden. Innenpolitische Themen wurden etwas zurückgedrängt zugunsten der Frage, wer Kanada am besten gegen Trump verteidigen und ihm Paroli bieten kann. Hier setzt das kanadische Volk nun anscheinend mehr auf die Liberalen.

Die Parole, nie der 51. Bundesstaat der USA zu werden, eint alle über die Parteigrenzen hinweg.
Autor: Gerd Braune Freier Journalist, Ottawa

Vereint nun Donald Trump die Kanadier in einer Art Patriotismus?

Ich habe in meinen 25 Jahren in Kanada noch nie einen solchen Patriotismus gesehen. Die Parole, nie der 51. Bundesstaat der USA zu werden, eint alle über die Parteigrenzen hinweg. Im Alltag wehen Flaggen an Häusern und Autos. In Geschäften wird sehr stark darauf geachtet, «Made in Canada» zu kaufen. Bei Eishockey-Spielen wird die Hymne mit besonderer Inbrunst gesungen, bei der US-Hymne gebuht.

Carneys erste Reise führte ihn nicht nach Washington, sondern nach Paris und London. Was will er damit sagen, wenn er von Kanada als «europäischstem aller nichteuropäischen Länder» spricht?

Carney spielt auf die historischen Beziehungen an, mit Grossbritannien und Frankreich als zwei der drei Säulen des Landes neben den Indigenen. Aber auch die Lebenseinstellung der Kanadier etwa in Bezug auf Sozialsystem und Waffenkontrolle ist näher bei Europa als bei den USA. Die gegenseitigen Avancen zeigen, dass Kanada wegen der aggressiven Politik Trumps für Europa nicht mehr der vergessene transatlantische Partner ist. Ein Schulterschluss wird von beiden Seiten gesucht.

Es wird aber für Kanada nicht einfach sein, sich von der zehn Mal grösseren US-Volkswirtschaft zu lösen.
Autor: Gerd Braune Freier Journalist, Ottawa

Wie können Europa und Kanada voneinander profitieren?

Wie Aussenministerin Melanie Joly kürzlich bekräftigte, hat Kanada alles, was Europa braucht. Kanada setzt stark auf Rohstoffe. Auch militärisch ist einiges in Bewegung, wenn man die Äusserungen der EU zur Kooperation in der künftigen Verteidigungspolitik betrachtet. Es wird aber für Kanada nicht einfach sein, sich von der zehn Mal grösseren US-Volkswirtschaft zu lösen – angesichts der Milliarden von Dollar an Gütern und Dienstleistungen, die täglich über die Grenze rollen.

Das Gespräch führte Brigitte Kramer.

Echo der Zeit, 25.03.2025, 18:00 Uhr ; 

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