Lange wollte Putin seine Töchter aus der Öffentlichkeit fernhalten, nun treten sie öffentlich auf. Auch andere Familienmitglieder erhalten derzeit vermehrt Aufmerksamkeit – und werden in hohe Positionen befördert. Was an diesem Generationenwechsel dran ist und mit welchen Risiken er behaftet ist, erklärt Russlandexperte Fabian Burkhardt.
SRF: Ist im Kreml ein Generationenwechsel im Gange?
Fabian Burkhardt: Es gibt derzeit einen steten, aber langsamen Generationenwechsel. Das beobachten wir in Russland schon eine Weile. Die Topelite um Putin wird immer älter. Es ist aus der Logik vom Regime her normal, dass die nächste Generation in hochrangige Positionen «reinrotiert» wird. Inzwischen sprechen wir schon fast von Enkeln.
Was qualifiziert diese Personen für entsprechende Aufgaben, abgesehen von den verwandtschaftlichen Beziehungen?
Die meisten bringen eine gewisse Erfahrung in der Verwaltung oder in grossen Staatsunternehmen mit. Das unterscheidet sie von den Töchtern Putins, die zwar öffentlich sichtbarer werden, aber weniger wichtige Positionen bekleiden. Es gibt auch Karrierewege über persönliche Beziehungen, nicht nur familiäre.
Es ist nicht selbstverständlich, dass man sich in diesem Beziehungsgeflecht über viele Jahre behaupten kann.
Manche steigen durch Leistung und Loyalität auf. Es ist nicht selbstverständlich, dass man sich in diesem Beziehungsgeflecht, wo sich Elitegruppen gegenseitig bekämpfen, über viele Jahre behaupten kann.
Warum passiert dieser Generationenwechsel gerade jetzt? Hat das nur mit dem Alter der aktuellen Topelite zu tun?
Ich würde sagen, das ist der wichtigste Grund. Je wichtiger die Person in der Elite ist, desto älter ist sie. Die zweite und dritte Generation rückt nun nach. Ich sehe hier kein bewusstes Vorgehen von Putin, den Übergang zum Post-Putinismus vorzubereiten. Das wäre zu riskant.
Sobald der Patron seine Position verliert, beginnt der Kampf um die Ressourcen und die Position.
Diese persönlichen und familiären Beziehungen funktionieren nur, solange der Patron noch schützend die Hand darüber hält. Sobald der Patron seine Position verliert, beginnt der Kampf um die Ressourcen und die Position. Wenn Putin diesen Prozess jetzt beginnen würde, würde das die Gefahr vergrössern, dass sich die Konflikte innerhalb der Elite verschärfen. Daher ist es ein langsamer Prozess, der dieses Jahr einen wichtigen Schub bekommen hat. Aber es ist keine bewusste Vorbereitung für die Zeit nach Putin.
Fehlt Putin das Vertrauen in den aktuellen Machtapparat, wenn er nun versucht, seine Verwandten und Getreuen an zentralen Stellen zu positionieren?
Das spielt durchaus eine Rolle. Für Putin ist die totale Loyalität wichtig. Diese kann durch familiäre Beziehungen, aber auch durch persönliche Nähe zu Putin oder zu wichtigen Akteuren demonstriert werden. Der neue Verteidigungsminister Beloussow zum Beispiel hat keine Verwandtschaftsbeziehung zu Putin, sondern viel Zeit mit ihm verbracht. Auch Putins ehemalige Leibwächter haben ohne familiäre Beziehungen Karriere gemacht.
Wer profitiert von diesen Veränderungen, wer verliert?
Vor allem diejenigen, die keine solchen Beziehungen haben, verlieren. Wir reden hier von der Topelite, maximal 200 bis 300 Personen. Auf der Ebene der Minister oder darunter spielen solche Faktoren eine untergeordnete Rolle. Dort geht es zusätzlich zur Loyalität um Leistung. Wenn mehr Personen mit familiären Beziehungen ernannt werden, weckt das Begehrlichkeiten. Und es schafft Verlierer, die sich dann über andere Wege ihren Karriereweg bahnen müssen. Das kann zu Konflikten führen.
Ist dieser Umbau im Machtapparat für Wladimir Putin risikobehaftet?
Absolut.
Das Gespräch führte Christina Scheidegger.