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Teillegalisierung Fluch oder Segen? Ein Jahr Cannabis-Gesetz in Deutschland

Seit einem Jahr sind in Deutschland Anbau und Besitz von Cannabis zum Teil erlaubt. Ein Experte zieht Bilanz.

Die Bilanz nach einem Jahr Teillegalisierung: Noch gibt es keine belastbaren Daten, betont der Suchtforscher der Frankfurt University of Applied Sciences, Bernd Werse. Die ersten Befragungen zeigen, dass sich bei den Erwachsenen «im Grunde genommen nichts geändert hat». Bei den Jugendlichen ist das ein wenig anders: In den Jahren vor der Teillegalisierung ist der Konsum von Cannabis bei jungen Leuten stark zurückgegangen. Das hat unter anderem damit zu tun, dass Jugendliche insgesamt beim Konsum von Suchtmitteln – auch dank Präventionsbotschaften – vorsichtiger geworden sind. Nun müsse man abwarten, wie sich die Zahlen nun entwickeln.

Person in Schutzanzug schneidet Cannabisknospen.
Legende: In Deutschland wurde vor einem Jahr Cannabis teillegalisiert. Keystone/SEM VAN DER WAL

Der Faktor der Verführung: Eine Abwassermessung in Stuttgart hat gezeigt, dass die Abbauprodukte von THC um 13 Prozent gestiegen sind. Dies deutet darauf hin, dass offenbar einige Erwachsene die neuen Bestimmungen zum Anlass genommen haben, Cannabis wieder auszuprobieren, wie Werse erklärt. Allerdings könne dies auch mit dem starken Anstieg des Eigenanbaus zu tun haben. Viele Leute haben begonnen, zu Hause im Garten oder auf dem Balkon Cannabis anzubauen, ohne selbst zu konsumieren. Es ist dann zwar nicht legal, die Blüten weiterzugeben, aber zahlreiche Personen beziehen so ihre Cannabis-Produkte. Jedoch: Andere Abwassermessungen aus anderen Städten kommen zu einem anderen Schluss.

Im Winter wird mehr gekifft als im Sommer

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Seit März 2023, also ein Jahr vor dem neuen Cannabis-Gesetz, wird im kommunalen Abwasser Stuttgarts der Gehalt von Carboxy-THC gemessen. Das Abbauprodukt von THC – die psychoaktive Hauptsubstanz der Cannabis-Pflanze – wird über den Urin ausgeschieden und lässt sich darin zwei bis drei Tage lang nachweisen.

Jeden Monat wurden vom Stuttgarter Zentrallabor täglich 24 Proben, eine Woche lang genommen. Insgesamt zeigen die Stuttgarter Abwasserdaten eine leichte Steigerung von rund 13 Prozent der THC-Werte gegenüber den Werten vor der Einführung des Gesetzes. Dabei wurde beispielsweise auch festgestellt, dass es offenbar saisonale Schwankungen des Cannabis-Konsums gibt. Die Forschenden massen im Winter mehr als doppelt so hohe Werte wie im Sommer.

Einen deutlichen Anstieg der Werte nach der Teillegalisierung konnte in Stuttgart nicht festgestellt werden. Auch Zahlen aus der zentralen Suchtklinik der Stadt zeigen, dass eine Enttabuisierung der Cannabis-Sucht Vorteile bringt.

Der Einfluss auf den Schwarzmarkt: Um den Schwarzmarkt deutlich zu verkleinern, gibt es noch zu wenig legale Möglichkeiten, sich mit Cannabis zu versorgen. Hier sei die Teillegalisierung nicht so erfolgreich, wie man sich das habe wünschen mögen, erklärt Werse weiter. Die Möglichkeiten werden jedoch schon jetzt rege genutzt. So sind die Preise für medizinisches Cannabis mittlerweile unter Schwarzmarktniveau. Auch die sogenannten Anbauvereinigungen haben einen Einfluss, auch wenn es zurzeit noch zu wenige davon hat.

Was ist eine Anbauvereinigung

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Konsumenten können Cannabis über nicht-kommerzielle Anbauvereinigungen beziehen. Dies dürfen maximal 50 Gramm Cannabis im Monat pro Mitglied zum Eigenkonsum abgeben. Das Mindestalter für eine Mitgliedschaft ist 18 Jahre, maximal sind 500 Mitglieder pro Vereinigung erlaubt, ihr Wohnort muss in Deutschland sein. Sind Mitglieder unter 21 Jahre alt, bekommen sie höchstens 30 Gramm pro Monat, das Cannabis darf einen THC-Gehalt von zehn Prozent nicht überschreiten.

Die Vereinigungen müssen Jugendschutz-, Sucht- und Präventionsbeauftragte benennen und dürfen keine Werbung machen. Zudem müssen sie einen Mindestabstand von 200 Metern zu Schulen und anderen Kinder- und Jugendeinrichtungen sowie zu Spielplätzen einhalten. Eine Mitgliedschaft in mehreren Vereinen ist verboten. Der Konsum von Cannabis in den Anbauvereinigungen sowie in deren Sichtweite ist nicht erlaubt.

Fazit nach einem Jahr Teillegalisierung: Für Bernd Werse ist es «eine grosse Errungenschaft, dass geschätzt fünf Millionen Konsumentinnen und Konsumenten keine Angst haben müssen, vom Strafrecht irgendwie belangt zu werden». Eine Schwachstelle des Gesetzes sei aber, dass es keinen Einzelhandel mit Cannabis gibt. Jetzt muss man noch abwarten, wie die neue künftige Regierung in Deutschland das Gesetz verändern wird. Die deutsche CDU/CSU-Union möchte das Gesetz rückgängig machen. Werse erwartet jedoch nicht, dass es zu einer kompletten Umkehr kommen wird. Er erwartet jedoch «kleiner Rückschritte», was zum Beispiel die Menge von Cannabis angeht, die man legal bei sich haben darf.

Und was ist der Rat für die Schweiz? In der Schweiz wird eine Teillegalisierung von Cannabis ebenfalls diskutiert. Was die Schweiz laut Werse Deutschland schon voraus hat, ist, dass es bereits Pilotprojekte zum kontrollierten Verkauf von Cannabis gibt. «Die weitgehende und grundsätzliche Entkriminalisierung in Deutschland» könnte laut dem Suchtforscher Vorbildcharakter haben.

SRF 4 News, 3.4.2025, 16:52 Uhr ; 

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