Die Bilanz nach einem Jahr Teillegalisierung: Noch gibt es keine belastbaren Daten, betont der Suchtforscher der Frankfurt University of Applied Sciences, Bernd Werse. Die ersten Befragungen zeigen, dass sich bei den Erwachsenen «im Grunde genommen nichts geändert hat». Bei den Jugendlichen ist das ein wenig anders: In den Jahren vor der Teillegalisierung ist der Konsum von Cannabis bei jungen Leuten stark zurückgegangen. Das hat unter anderem damit zu tun, dass Jugendliche insgesamt beim Konsum von Suchtmitteln – auch dank Präventionsbotschaften – vorsichtiger geworden sind. Nun müsse man abwarten, wie sich die Zahlen nun entwickeln.
Der Faktor der Verführung: Eine Abwassermessung in Stuttgart hat gezeigt, dass die Abbauprodukte von THC um 13 Prozent gestiegen sind. Dies deutet darauf hin, dass offenbar einige Erwachsene die neuen Bestimmungen zum Anlass genommen haben, Cannabis wieder auszuprobieren, wie Werse erklärt. Allerdings könne dies auch mit dem starken Anstieg des Eigenanbaus zu tun haben. Viele Leute haben begonnen, zu Hause im Garten oder auf dem Balkon Cannabis anzubauen, ohne selbst zu konsumieren. Es ist dann zwar nicht legal, die Blüten weiterzugeben, aber zahlreiche Personen beziehen so ihre Cannabis-Produkte. Jedoch: Andere Abwassermessungen aus anderen Städten kommen zu einem anderen Schluss.
Der Einfluss auf den Schwarzmarkt: Um den Schwarzmarkt deutlich zu verkleinern, gibt es noch zu wenig legale Möglichkeiten, sich mit Cannabis zu versorgen. Hier sei die Teillegalisierung nicht so erfolgreich, wie man sich das habe wünschen mögen, erklärt Werse weiter. Die Möglichkeiten werden jedoch schon jetzt rege genutzt. So sind die Preise für medizinisches Cannabis mittlerweile unter Schwarzmarktniveau. Auch die sogenannten Anbauvereinigungen haben einen Einfluss, auch wenn es zurzeit noch zu wenige davon hat.
Fazit nach einem Jahr Teillegalisierung: Für Bernd Werse ist es «eine grosse Errungenschaft, dass geschätzt fünf Millionen Konsumentinnen und Konsumenten keine Angst haben müssen, vom Strafrecht irgendwie belangt zu werden». Eine Schwachstelle des Gesetzes sei aber, dass es keinen Einzelhandel mit Cannabis gibt. Jetzt muss man noch abwarten, wie die neue künftige Regierung in Deutschland das Gesetz verändern wird. Die deutsche CDU/CSU-Union möchte das Gesetz rückgängig machen. Werse erwartet jedoch nicht, dass es zu einer kompletten Umkehr kommen wird. Er erwartet jedoch «kleiner Rückschritte», was zum Beispiel die Menge von Cannabis angeht, die man legal bei sich haben darf.
Und was ist der Rat für die Schweiz? In der Schweiz wird eine Teillegalisierung von Cannabis ebenfalls diskutiert. Was die Schweiz laut Werse Deutschland schon voraus hat, ist, dass es bereits Pilotprojekte zum kontrollierten Verkauf von Cannabis gibt. «Die weitgehende und grundsätzliche Entkriminalisierung in Deutschland» könnte laut dem Suchtforscher Vorbildcharakter haben.