In Kiew besucht SRF Investigativ ein spezialisiertes Institut, das dem ukrainischen Justizministerium untersteht. Seit der Annexion der Krim untersucht es russische Waffensysteme, die im Ukrainekrieg eingesetzt werden. Nataliia Nestor ist stellvertretende Direktorin und erklärt: «Wir finden Komponenten aus der EU, den USA und auch aus der Schweiz.»
2023 stammten, gemäss ukrainischer Schätzungen, fünf Prozent der westlichen Bauteile in russischen Waffen von Schweizer Herstellern. Über Drittstaaten wie China gelangten sie nach Russland. Eine Analyse von russischen Zolldaten, die SRF Investigativ gemacht hat, bestätigt diese Umgehungsgeschäfte.
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Bild 1 von 2. Aus den USA stammen die meisten Mikroelektronik-Komponenten in russischen Waffen, oft dabei sind auch Produkte von Schweizer Herstellern. Bildquelle: Filmstill SRF Investigativ.
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Bild 2 von 2. Westliche Komponenten in russischen Raketen- und Drohnentypen: Datenauswertung von 2025 der ukrainischen NGO Nako und des unabhängigen US-Militärforschungsinstituts «Institute for Science and International Security». Bildquelle: Filmstill SRF Investigativ.
Manipuliertes Herstellungsdatum
Zudem zeigt sich eine neue Methode zur Verschleierung von Lieferketten. Das Kiewer Institut hat kürzlich eine zerstörte Shahed-Drohne untersucht: Ein Schweizer Mikrochip im Kopf der Drohne trägt aussen gut sichtbar Mai 2021 als Herstellungsdatum. Der Chip wäre also vor dem Krieg produziert worden. Auf dem internen Speicher aber steht August 2024.
Mikrochip von U-Blox mit gefälschtem Herstellungsdatum
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Bild 1 von 3. Im Institut «Kiew scientific research institute of forensic expertiese» wird ein Mikrochip analysiert. Bildquelle: Filmstill SRF Investigativ.
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Bild 2 von 3. Aussen auf dem Chip ist gut sichtbar das vermeintliche Herstellungsdatum angebracht: Mai 2021. Bildquelle: Filmstill SRF Investigativ.
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Bild 3 von 3. Im Innern des Speichers ist ein anderes Herstellungsdatum angegeben: 24 steht für 2024 und 33 für die 33. Woche des Jahres, also August 2024. Bildquelle: Filmstill SRF Investigativ.
Herstellerin des Mikrochips ist wahrscheinlich die Zürcher Firma U-Blox. Zur Manipulation des Herstellungsdatums schreibt sie: «Es ist davon auszugehen, dass das Originallabel entfernt und ersetzt wurde, um den Verkäufer zu anonymisieren.» Bei Beginn des Krieges habe das Unternehmen alle Geschäftsbeziehungen nach Russland beendet.
Umgehung der Sanktionen – trotz verschärfter Regeln
Anfangs 2024 verschärften die EU und die Schweiz ihre Russland-Sanktionen: Hersteller von Mikroelektronik müssen ihre Handelspartner nun vertraglich verpflichten, nicht nach Russland zu liefern. SRF Investigativ fand keine Hinweise, dass Schweizer Hersteller selbst Umgehungsgeschäfte gemacht hätten. Trotzdem greifen die Regelungen bei dieser Massenware, die auch zivil genutzt wird, nicht konsequent.
Russische Zolldaten belegen, dass auch nach März 2024 Schweizer Bauteile in Russland landen: So finden sich dort knapp 30 Lieferungen mit Produkten der Zuger Firma Traco Power. Auf Nachfrage schreibt die Firma, sie halte sich an alle geltenden Verordnungen. Zudem seien ihre Produkte «nicht auf irgendwelchen Sanktionslisten aufgeführt».
Seco mit Firmen «in Kontakt»
In den russischen Zolldaten finden sich nach den Sanktionsverschärfungen auch Bauteile von STMicroelectronics. Der Halbleiter-Hersteller aus dem Kanton Genf schreibt SRF Investigativ, er habe nach Ausbruch des Angriffskriegs 2022 die Compliance-Massnahmen verschärft: «Wir genehmigen oder dulden die Verwendung unserer Produkte ausserhalb ihres vorgesehenen Zwecks nicht.»
Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) kontrolliert mögliche Sanktionsverstösse. Zu konkreten Fällen äusserst sich die Behörde nicht. Das Seco sei mit betroffenen Firmen «in Kontakt». Bislang gäbe es keine Verfahren gegen Hersteller von Mikroelektronik.
Unternehmen in der Verantwortung
Umgehungsgeschäfte über Drittländer könnten kaum gänzlich verhindert werden, sagt Compliance-Expertin Katja Gloor von Transparency International Schweiz. Sie fordert: «Unternehmen müssen eine ethisch-moralische Verantwortung übernehmen, um Sanktionsumgehungen zu verhindern.»