In einer riesigen Lagerhalle mitten in der Sahara steht Buhubeini Yahia und schmunzelt: «Wir hatten hier eine Zeit lang ein sehr spezielles Produkt: Käse aus der Schweiz.» Der Schweizer Schmelzkäse war sehr beliebt – und Teil eines grossen Hilfsprogramms in den Flüchtlingslagern der Sahraouis, im Südwesten Algeriens, dem Grenzgebiet zu Mauretanien, Marokko und zur Westsahara.
Vor rund 50 Jahren flüchteten Zehntausende Sahraouis vor den Bomben der marokkanischen Armee aus der Westsahara in einen der unwirtlichsten Teile der Welt: eine unendliche Weite aus Sand, Stein und fast ohne Wasser, wo das Thermometer im Sommer auf 50 Grad klettert, wo der Boden ausser ein paar kargen Sträuchern nichts hergibt. Und wo es ohne internationale Hilfe kein Überleben gäbe.
Buhubeini Yahia ist der Chef des sahraouischen Roten Halbmonds und Herr über das Verteilzentrum für Zehntausende Tonnen internationaler Hilfe. In der riesigen Lagerhalle stapeln sich Kisten und Säcke, Speiseöl, Getreide, Reis.
Die Sahraouis haben ein Ziel: einen eigenen Staat
«Die Logistik, den Transport, die Verteilung – alles verwalten wir selbst», erklärt Yahia. Die Sahraouis seien Flüchtlinge aus politischen Gründen. Sie hätten zwar kein Geld, aber Arbeitskraft, und sie seien gut organisiert und motiviert. Denn sie hätten ein Ziel: einen eigenen Staat.
Normalerweise kehren Flüchtlinge irgendwann zurück in die Heimat. Hier ist das seit 50 Jahren nicht der Fall.
Über 80 Prozent der Menschen in den sahraouischen Flüchtlingslagern sind abhängig von humanitärer Hilfe und Nahrungsmitteln – es ist eine humanitäre Notlage, die bereits Jahrzehnte dauert. Normalerweise kehrten Flüchtlinge irgendwann heim oder integrierten sich dort, wo sie seien, sagt Aline Rumonge vom Welternährungsprogramm der UNO. «Hier aber ist weder das eine noch das andere der Fall. Seit 50 Jahren.»
Schulalltag im Flüchtlingslager
In der Primarschule «Lal Andala» lernen die Kinder der ersten und der zweiten Klasse gerade Plusrechnen. Und Geometrie. In blauen und pinken Westen sitzen die Buben und Mädchen an ihren Pulten.
Internationale Organisationen haben das Mobiliar gespendet, genauso wie die Schulhefte und Stifte, die die Kinder vor sich haben. Ihr Berufswunsch? Lehrer, Künstlerin, Viehhirte, Ärztin.
Schulen gehörten in den 1970er-Jahren zu den ersten Strukturen, die die Sahraouis im Exil aufbauten. Der Schulunterricht ist obligatorisch.
In den Klassenzimmern sind Bastelarbeiten der Kinder ausgestellt als Teil des Unterrichts. Sie zeigen das traditionelle Leben der Sahraouis: Zelte etwa (Haimas genannt), Spiele, Werkzeuge oder auch traditionelle Kleidung. Es sind aber auch Panzer und Waffen aus Karton zu sehen oder eine Kaserne im Kleinformat und Fotos von Kadern des Frente Polisario, der politisch-militärischen Organisation der Sahraouis.
Die Arbeiten zeigen die Geschichte und die Gegenwart der Sahraouis. Ursprünglich mehrheitlich als Nomaden unterwegs, wurden sie im Exil zunehmend sesshaft und sind deshalb darauf bedacht, ihre kulturelle Identität zu bewahren. Auch angesichts des Kampfes für einen eigenen, unabhängigen Staat in der Westsahara. «La cosa» oder «La cause sahraoui» nennen sie das, die «sahraouische Sache». Kaum ein Gespräch, in dem sie nicht vorkommt.
Eine unvollendete Entkolonisierung
1960 verabschiedete die UNO-Generalversammlung die Resolution 1514, die allen kolonisierten Völkern das Recht auf Selbstbestimmung gewährt.
Die Westsahara war eine spanische Kolonie. Als sich die Spanier Mitte der 1970er-Jahre aus der Westsahara zurückzogen, erhoben die Nachbarländer Mauretanien und Marokko Anspruch auf das rohstoffreiche Gebiet. Mauretanien zog sich später zurück, Marokko aber besetzte grosse Teile der Westsahara. Das Volk der Sahraouis hingegen pochte auf sein Selbstbestimmungsrecht, bestärkt auch durch ein Urteil des Internationalen Gerichtshofs.
Es kam zum Krieg, er dauerte 16 Jahre. Erst 1991 einigten sich Marokko und der Frente Polisario, die sahraouische Befreiungsbewegung, auf einen Waffenstillstand – überwacht von einer UNO-Mission, der Minurso. Das Waffenstillstandsabkommen sah ein Referendum vor: Im Januar 1992 sollte das Volk der Westsahara darüber abstimmen können, ob das Gebiet unabhängig oder ein Teil von Marokko sein sollte.
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Bild 1 von 2. Im Sommer klettert das Thermometer auf 50 Grad Celsius. Bildquelle: SRF / Veronika Meier.
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Bild 2 von 2. Auch im Frühling schon drückt die Sonne. Bildquelle: SRF / Veronika Meier.
Bis heute wurde diese Abstimmung von Marokko torpediert. Und so bleibt der völkerrechtliche Status der Westsahara ungeklärt – die Entkolonisierung ist nicht abgeschlossen. Die Sahraouis mit dem Frente Polisario bestehen darauf, selbst über ihre Zukunft entscheiden zu können.
Eigentlich wollte ich Ernährungsfachfrau werden. Doch das Leben hat mir die Gelegenheit dazu nicht gegeben.
Marokko hingegen betrachtet die Westsahara als Teil des eigenen Staatsgebiets und möchte den Sahraouis nur eine Autonomie unter marokkanischer Souveränität zugestehen. Für Marokko ist die Westsahara inzwischen zum Massstab für die gesamte Aussenpolitik geworden. Mit den USA, Spanien und Frankreich konnte das marokkanische Königreich gewichtige internationale Akteure für seinen Autonomieplan gewinnen.
29 Jahre lang hielt der Waffenstillstand zwischen dem Frente Polisario und Marokko. Doch seit November 2020 ist der Krieg zurück.
Der anhaltende Konflikt um die Westsahara vergiftet auch die ohnehin schon schwierigen Beziehungen zwischen Marokko und seinem Nachbarland Algerien, das den Frente Polisario unterstützt.
Lähmende Perspektivlosigkeit
Die Sahraouis leben mittlerweile in dritter Generation in den Flüchtlingslagern, offiziell sind es rund 175'000 Personen. Viele von ihnen kennen ihre Heimat im besetzten Teil der Westsahara nur noch aus Erzählungen.
Ahyeb Mohamed Lamin ist eine von ihnen. Die 27-Jährige unterrichtet Spanisch an der Lal-Andala-Schule. Dafür erhält sie – wie alle Lehrkräfte – keinen Lohn, sondern nur eine Entschädigung, einen Anreiz: umgerechnet etwa hundert Schweizer Franken alle drei Monate. Eigentlich wäre sie gerne Ernährungsfachfrau geworden. Doch: «Das Leben hat mir die Gelegenheit dazu nicht gegeben.»
Unser gefährlichster Feind ist die Unkenntnis der eigenen Rechte.
Ahyeb benennt, was hier immer wieder zu beobachten ist: die lähmende Perspektivlosigkeit und die Frustration darüber, dass die Zukunft auf sich warten lässt. Die Sahraouis könnten zwar auswärts studieren, sagt sie, in Algerien etwa, aber sie fänden danach ausser im Schulwesen und in der Medizin kaum Arbeit. «Viele verlassen deshalb die Lager und arbeiten in Spanien, in Kuba oder wo sie sonst Arbeit finden», um Geld zu verdienen und ihre Familien zu Hause zu unterstützen.
Wie frustrierend das Leben in den Flüchtlingslagern sein kann, weiss Khatri Addouh. Er ist Bildungsminister des sahraouischen Exilstaats. «Unser gefährlichster Feind», so ist er überzeugt, «sind die Ignoranz, das Fehlen von Bewusstsein, Wissen und die Unkenntnis der eigenen Rechte.»
Addouh spricht über die Herausforderungen für den Frente Polisario, bei internationalen Geldgebern genügend Mittel zu finden für den Bau von Krippen und Schulhäusern für eine wachsende Bevölkerung. Und er spricht von den Bemühungen, allen sahraouischen Kindern und Jugendlichen kostenlose Bildung und eine gute Ausbildung zu ermöglichen, auch dank Stipendien an Universitäten in befreundeten Staaten.
Gute Bildung soll einerseits als Bollwerk gegen die Gefahr der Radikalisierung dienen. Gerade in dieser Gegend, wo es nicht nur Hoffnungslosigkeit, sondern auch Terrorismus, religiösen Extremismus und organisiertes Verbrechen gibt.
Andererseits wolle man vorbereitet sein auf den Tag X der Unabhängigkeit in der Westsahara und die Fehler anderer Länder vermeiden. «Einige Staaten um uns herum blieben nach der Unabhängigkeit unter der Fuchtel der ehemaligen Kolonialmächte, weil sie ungenügend vorbereitet waren», sagt Addouh.
Doch dieser Tag X scheint weit weg. Bislang blieben alle Versuche der UNO, den Konflikt zu lösen, erfolglos, wurden aufgerieben zwischen Völkerrecht und «Realpolitik».
UNO schlägt Teilung der Westsahara vor
Letzten Oktober hat der derzeitige UNO-Sonderbeauftragte für die Westsahara, Staffan de Mistura, einen weiteren Versuch gewagt, den diplomatischen Knoten zu lösen. Er schlug eine Teilung der Westsahara vor in einen unabhängigen Staat im gesamten Süden des Gebiets mit breitem Zugang zum Meer.
Das restliche Territorium solle ein Teil Marokkos werden, international anerkannt. Das Volk der Westsahara wiederum bekäme die Möglichkeit, zu entscheiden, wo und unter welchen politischen Rahmenbedingungen es leben möchte.
Einige Staaten in der Region hätten Interesse an der Idee gezeigt, erklärte Staffan de Mistura. Aber weder von Marokko noch vom Frente Polisario sei ein Signal gekommen, die Idee wenigstens zu prüfen.