Eine Unterschrift, und dann gab es Champagner: Am 21. Juni 1999 unterzeichnete der damalige Aussenminister Joseph Deiss in Luxemburg das erste bilaterale Vertragspaket mit der EU.
Es herrschte Feierlaune. Denn für Aussenminister Deiss und den ebenfalls mitgereisten Wirtschaftsminister Pascal Couchepin war es ein Befreiungsschlag, nachdem die Stimmbevölkerung sieben Jahre zuvor Nein zum EWR-Beitritt gesagt hatte.
In der Schweizer Wirtschaft herrschte nach dem EWR-Nein Krisenstimmung. Man befürchtete, den Anschluss zu verlieren. Die bilateralen Verträge waren der Ausweg. Der ungehinderte Zugang zum wichtigsten Markt für die Schweiz, zu über 400 Millionen Europäerinnen und Europäern.
Die Bilateralen Verträge haben uns aus der Isolation herausgeholt.
25 Jahre später treffen wir Alt Bundesrat Joseph Deiss wieder. Wie sieht er die bilateralen Verträge heute? «Die Verträge haben uns aus der Isolation herausgeholt. Wir konnten 25 Jahre lang Wohlstand, Erfolge und bessere Beziehungen mit unserem wichtigsten Partner aufbauen», sagt Deiss.
Doch was haben die Abkommen der Schweiz wirklich gebracht? Die Wirtschaft hat sich enorm entwickelt, das Bruttoinlandprodukt ist stark angewachsen. Doch auch die Zuwanderung ist stark angestiegen.
Zankapfel Zuwanderung
An der Zuwanderungsfrage scheiden sich die Geister. Vor zehn Jahren wurde die Masseinwanderungs-Initiative der SVP hauchdünn angenommen. Seither ist die Zuwanderung aus der EU nie mehr aus den Schlagzeilen verschwunden, die Folgen sind für alle spürbar: mehr Verkehr, stark steigende Immobilienpreise, Wohnungsnot.
SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi sagt heute: Die Bilateralen I seien keine Erfolgsgeschichte. Die Schweiz wäre ohne Bilaterale genauso gut gefahren. «Der Schweiz würde es mindestens gleich gut gehen», ist er überzeugt, «aber wir hätten die negativen Auswirkungen von 1.5 Millionen Zuwanderung in den letzten 25 Jahren nicht».
Der Wirtschaftsverband Economiesuisse zählt zu den lautesten Befürwortern der bilateralen Verträge. Mit seiner Allianz «Stark und vernetzt» führte er diese Woche Aktionen in mehreren Städten durch, um den Bürgerinnen und Bürgern den Nutzen der Bilateralen zu erklären.
«Die bilateralen Verträge haben dafür gesorgt, dass es in unserem Land wieder Wachstum gibt und das kommt uns allen zugute», betont Economiesuisse-Direktorin Monika Rühl. Die Zuwanderung sei wichtig. «Wir anerkennen aber, dass die Zuwanderung viele Menschen umtreibt», so Rühl.
Steiniger Weg zu neuen Abkommen
Mit der Weiterentwicklung des bilateralen Wegs stockt es allerdings. Die Schweiz verhandelt mit der EU über ein neues Vertragswerk. Für diese Woche war ein Besuch des zuständigen EU-Vize-Kommissionspräsidenten Maroš Šefčovič in Bern geplant, der aber kurzfristig abgesagt wurde. Die Positionen zwischen der Schweiz und der EU liegen offenbar doch noch zu weit auseinander. Es sei nicht der richtige Zeitpunkt für ein Treffen, liess das Aussendepartement von Bundesrat Ignazio Cassis verlauten.
Der Gesamtbundesrat ist sich auch nicht einig, ob er für das Vertragswerk bei einer Abstimmung dereinst nicht nur ein Volksmehr, sondern auch ein Ständemehr benötigt. Dies könnte eine Hürde sein. Denn zurzeit wird stärker über die negativen Folgen der Bilateralen gestritten als über deren Nutzen geredet.