Koks in Zürich, Crack in Genf, Heroin in Bern: Diese Problemherde des Drogenkonsums sind bekannt. Doch die wohl grösste offene Drogenszene des Landes nebst Genf befindet sich mittlerweile in Graubünden, mitten in Chur. Im Stadtgarten prägen Drogensüchtige und Alkoholkranke das Bild. Bis zu 120 Menschen treffen sich hier regelmässig, um «Base» zu rauchen. Das ist chemisch verarbeitetes Kokain, welches durch Aufkochen mit Ammoniak in freie Base umgewandelt wird.
Viele Einwohnerinnen und Einwohner des Bündner Hauptorts machen einen grossen Bogen um den Stadtgarten – und fordern Massnahmen gegen die Drogenszene sowie die damit einhergehende Kriminalität. Denn im Gegensatz zu anderen Städten verfügt Chur nur über eine Heroinabgabe an Schwerstsüchtige.
Das soll sich jetzt schneller ändern als gedacht: Nachdem das Churer Stadtparlament im Juni 2022 einen Millionenkredit für einen dreijährigen Pilotbetrieb bewilligt hatte, war die Rede davon, dass das Gassenzimmer zwischen 2024 und 2026 realisiert werden könne. Nun soll der Konsumraum bereits im kommenden Winter eingerichtet sein.
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Bild 1 von 4. «Base» – also aufgekochtes Kokain – wird im Churer Stadtgarten bevorzugt geraucht. Bildquelle: RTR/Stefan Dobler.
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Bild 2 von 4. Die Lage rund um die offene Drogenszene hat sich verschärft – das bestätigt auch der Stadtrat. Bildquelle: RTR/Stefan Dobler.
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Bild 3 von 4. Die florierende Drogenszene in Chur zeigt sich auch in der Kriminalstatistik: Die Zahl der Delikte steigt. Bildquelle: RTR/Stefan Dobler.
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Bild 4 von 4. Bis im kommenden Winter will der Stadtrat einen Konsumraum einrichten – und damit den Drogenkonsum in einen kontrollierten Rahmen verlagern. Bildquelle: RTR/Stefan Dobler.
Die Situation rund um den Stadtgarten sei noch schlimmer geworden, sagt der Churer Sozialdirektor Patrik Degiacomi. Im öffentlichen Raum würden immer mehr Drogen konsumiert und die Zahl der Konsumenten steige kontinuierlich.
«Wir wollen den Konsumraum für Drogen daher bereits auf den Winter 2023/2024 einrichten», betont Degiacomi. Nach einer passenden Liegenschaft im Stadtzentrum suche man noch. Neben dem städtischen Konsumraum will der Kanton Graubünden eine Kontakt- und Anlaufstelle einrichten.
Beim Ambulatorium Neumühle, welches opiatabhängige Menschen behandelt, ist man über den Fortschritt erfreut. «Ich erhoffe mir vom Konsumraum, dass er zu einer Beruhigung des Gewaltpotenzials führt und dass junge Leute vermehrt vom Drogenkonsum abgehalten werden, indem sie einen anderen öffentlichen Raum aufsuchen können», sagt Betriebsleiterin Margreth Meier. Dennoch werde das «Fixerstübli» alleine die Probleme nicht lösen.
Dessen ist sich auch der Bündner Regierungsrat Marcus Caduff bewusst. Ein bisschen ironisch sei es schon, dass ausgerechnet der Staat, der den Konsum von Drogen verbietet, nun einen Ort für den Drogenkonsum schaffe. «Der Konsumraum ist aber nur eine von vielen verschiedenen Massnahmen, die notwendig sind», so Caduff.
Mit dem «Fixerstübli» will Chur den Drogenkonsum in einen kontrollierten Rahmen verlagern. Darüber hinaus sollen die Strafverfolgungsbehörden mehr Mittel erhalten. Dafür hat Sozialdirektor Patrik Degiacomi im Grossen Rat mit weiteren Politikerinnen und Politikern einen Vorstoss eingereicht, um die Bündner Regierung mit Massnahmen gegen die Beschaffungskriminalität der Drogenszene zu beauftragen.