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Opferberatung im Kanton Zürich Mehr Strafanzeigen nach Sexübergriffen – dank innovativem Modell

Dank des neuen Diensts «Forensic Nurses» wenden sich mehr Gewaltopfer an die Polizei. Trotzdem gibt es Kritik.

Für Opfer einer Vergewaltigung oder von häuslicher Gewalt beginnt nach der eigentlichen Tat häufig ein weiterer Albtraum. Medizinische Untersuchungen oder Befragungen durch die Polizei sind für viele Menschen eine zusätzliche, seelische Belastung.

Aus diesem Grund hat der Kanton Zürich vor einem Jahr ein spezielles Angebot lanciert. Gewaltopfer, in den allermeisten Fällen sind es Frauen, können in den Zürcher Spitälern auf eigenen Wunsch den Dienst «Forensic Nurse» beiziehen.

Es handelt sich dabei um eine speziell ausgebildete Pflegefachperson, die Kontakt zu Beratungsstellen herstellt und die Spuren der Gewalttat fachgerecht dokumentiert – ohne, dass die Polizei beigezogen und Strafanzeige erstattet werden muss.

200 Aufgebote, 170 Telefonate in einem Jahr

Eine erste Zwischenbilanz des Modells zeigt nun: In den Zürcher Spitälern wurde der Dienst rund einmal pro Tag in Anspruch genommen – persönlich oder telefonisch.

Konkret: Forensic Nurses haben bei rund 200 Opfern von sexueller oder häuslicher Gewalt Spuren gesichert. Hinzu kommen rund 170 Fälle, in denen telefonische Unterstützung geleistet wurde.

Die Mehrzahl der Opfer war weiblich und zwischen 16 und 35 Jahre alt. Etwa die Hälfte war von Sexualdelikten betroffen, die andere Hälfte von häuslicher Gewalt.

«Wir merken, dass wir für Gewaltbetroffene eine Entlastung sind», sagt Forensic Nurse Dominice Häni. Es sei ihr wichtig, bei der Untersuchung vorsichtig zu sein. «Wir gehen dabei Schritt für Schritt vor». Man wolle die Gewaltopfer nicht überrumpeln.

Mehr Strafanzeigen nach Beratungen

Gewalt an Frauen, Kindern und Männern gehe nicht, sagt die Zürcher Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli. «Deshalb ist es wichtig, die Spuren zu sichern. So, dass Opfer, die im Moment noch keine Anzeige machen wollen, dies später tun können.»

Die Auswertung zeigt: Gewaltopfer wenden sich dank des neuen Modells häufiger an die Polizei. 21 Betroffene haben in diesem ersten Jahr nachträglich Strafanzeige eingereicht. In 13 Jahren zuvor gab es nur eine nachträgliche Anzeige.

Die Beweismittel, die durch das speziell ausgebildete Fachpersonal gesammelt werden, werden 15 Jahre lang aufbewahrt. Dies verbessert die Voraussetzungen, den juristischen Weg nach der seelischen Verarbeitung der Tat einzuschlagen.

Linksparteien fordern zwei Krisenzentren

Behandlung und Betreuung nach sexuellen Übergriffen habe sich durch den Dienst verbessert. Das reiche aber nicht, schreiben SP, AL, Grüne, GLP und EVP in einer gemeinsamen Mitteilung. Sie fordern deshalb die Schaffung von zwei Krisenzentren.

Das Umfeld in Notfallstationen sei zu hektisch. Zudem müssten von Gewalt betroffene Personen lange warten, bis eine Forensic Nurse ins Spital gereist sei. Eine adäquate Betreuung nach einer Gewalttat sehe anders aus.

Hand zeigt Stopp-Geste vor Gesicht.
Legende: Linksparteien fordern die Schaffung von zwei Krisenzentren, um die Situation von Gewaltopfern weiter zu verbessern. Keystone/Fabian Sommer

Die Parteien fordern den Kanton zum Handeln auf, man solle nicht auf halbem Weg stehenbleiben. Das Kantonsparlament habe dem Regierungsrat mit einer Motion bereits den Auftrag erteilt, Krisenzentren zu schaffen.

Weiterentwicklung des Projekts bis 2026

Der Kanton Zürich will sich nun aber primär dafür einsetzen, den Dienst bekannter zu machen. Dies sei ein wichtiges Ziel des Pilotprojekts, das nach drei Jahren 2026 endet.

Der Regierungsrat ist aber schon jetzt überzeugt, dass die ersten Erfahrungen eine gute Grundlage bilden, um «Forensic Nurses» in eine Regelstruktur überführen zu können.

Regionaljournal Zürich Schaffhausen, 2.4.2025, 12:03 Uhr; sche ; 

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